Wikipedia hat immer recht

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Wenn wir eine Definition für einen Begriff suchen oder Erklärungen zu einem Thema, wo schauen wir dann nach? Richtig, in Wikipedia! Und wir wissen, dass die gesammelten Informationen nach dem Prinzip der offenen Community zusammengetragen worden sind, dass also jeder, der Ahnung von einem Thema hat, alle Experten dieser Welt ihr Wissen dort verewigen können und so dem nicht ganz so wissenden Rest der Welt zur Verfügung stellen können.

Wir verlassen uns mittlerweile so sehr auf die Informationen in Wikipedia, dass wir uns häufig gar nicht mehr die Mühe machen, alternative Quellen zu prüfen. Und wenn irgendwo eine Definition aus Wikipedia zitiert wird, nehmen wir sie als richtig hin.

Dazu das folgende Erlebnis, das ich dieses Jahr auf der Enterprise Architecture Conference in London hatte:

Auf besagter Konferenz hat John Zachman in einer Keynote die neue Version seines Frameworks vorgestellt. Dazu hat er an jeden Keynote-Teilnehmer ein Blatt ausgeteilt, das eine schön aufbereitete Darstellung seines Frameworks zeigte. Bevor er aber begann, die Neuerungen seines Frameworks zu erklären, hat er uns Teilnehmer auf zwei kurze Artikel aufmerksam gemacht, die auf der Rückseite des Blattes abgedruckt waren.

Er erzählte dazu sinngemäß übersetzt: „Diese beiden Artikel erläutern in Kürze mein Framework. Der Grund, warum ich sie hier habe abdrucken lassen, ist Wikipedia. Ich hatte vor einiger Zeit aus Neugierde nachgelesen, was in Wikipedia über mein Framework geschrieben steht. Dabei ist mir aufgefallen, dass der Artikel in Wikipedia einige falsche Aussagen enthielt. Also habe ich die fehlerhaften Aussagen in dem Artikel korrigiert. Dank des offenen Konzepts von Wikipedia ist das ja kein Problem. Kurze Zeit später erhielt ich die Rückmeldung von Wikipedia, dass meine Änderungen gelöscht worden seien, da sie nicht korrekt wären. Ich schrieb sinngemäß zurück: ‚Hallo, ich bin John Zachman. Wenn ich nicht wissen soll, was im Kontext meines Frameworks richtig ist, wer dann?‘ Aber es hat nichts geholfen. Wikipedia hat darauf bestanden, dass meine Aussagen zu meinem Framework falsch seien. Aus diesem Grund sah ich mich gezwungen, diese beiden Artikel zu schreiben, in denen dargestellt ist, wie ich mir mein Framework vorstelle, wenn ich das schon nicht in Wikipedia machen kann.“

Natürlich hatte John Zachman mit dieser Anekdote die Lacher auf seiner Seite und da er die gute Ausgangsstimmung in seiner Keynote aufrecht halten konnte, war es auch für alle Anwesenden eine tolle Keynote, bei der wir übrigens auch eine Menge über die neue Version seines Frameworks und die dahinterliegenden Ideen und Konzepte gelernt haben.

Was sagt einem diese Geschichte aber in Bezug auf Wikipedia? Ich weiß nicht, was da im Detail passiert ist, wer genau die Änderungen von John Zachman in Wikipedia rückgängig gemacht hat und habe auch nicht weiter nachgefragt. Was einem die Anekdote von John Zachman aber gut vor Augen führt ist, dass auch Wikipedia nicht unfehlbar ist. Auch hinter Wikipedia stehen Menschen, und Menschen haben Schwächen und machen Fehler – Fehler, die sich letztlich auch in den Inhalten von Wikipedia wiederfinden.

Für mich war es ganz hilfreich, mit dieser Geschichte mal wieder daran erinnert zu werden, dass auch Wikipedia nicht unfehlbar ist. Natürlich wissen wir das eigentlich auch alle, nur vergessen wir es zwischendurch immer mal wieder.

Wikipedia ist eine hervorragende Informationsquelle und es ist aus meiner Sicht nach wie vor beeindruckend, wie über das offene Konzept von Wikipedia über so kurze Zeit so viel qualitativ hochwertiges Wissen zusammengetragen werden konnten. Dennoch sollten wir Wikipedia nicht mit der „Wahrheit an sich“ verwechseln, sondern es wie mit jeder anderen guten Informationsquelle auch halten: Wir können Wikipedia als erste Quelle für eine Informationsrecherche nutzen; dann sollten wir aber wie bei jeder guten Recherche mehrere weitere Quellen zur Gegenprüfung heranziehen, um das Fehlerrisiko zu minimieren und die Belastbarkeit unserer Informationen sicherzustellen.

Denn: Wikipedia hat eben nur fast immer recht.

Uwe Friedrichsen

Uwe Friedrichsen ist ein langjähriger Reisender in der IT-Welt. Als Fellow der codecentric AG ist er stets auf der Suche nach innovativen Ideen und Konzepten. Seine aktuellen Schwerpunktthemen sind Skalierbarkeit, Resilience und die IT von (über)morgen. Er teilt und diskutiert seine Ideen regelmäßig auf Konferenzen, als Autor von Artikeln, Blog Posts, Tweets und natürlich gerne auch im direkten Gespräch.

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Kommentare

  • ManfredP1961

    Ich habe deinen Beitrag mit Genuss gelesen, und muss Dir recht geben. Es wird viel zu selten eine 2te Quelle geprüft. Man verlässt sich einfach auf die Community.

    Das selbst ein „Erfinder“ das Recht abgesprochen bekommt, seine eigene Erfindung zu korrigieren, macht mich aber an dieser Stelle sehr Nachdenklich.

    NaJa mal schauen was da weiterhin passiert.

    LG
    Manfred

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