Eindrücke von der SET 2009 in Zürich

Keine Kommentare

Letzte Woche habe ich die SET 2009 in Zürich besucht. Die von SIGS DATACOM organisierte Konferenz ist nicht so groß wie ihre große Konferenz, die OOP. Die SET hatte etwa 160 Besucher, dauerte zwei Tage und hatte ein gutes Programm, das in drei parallelen Tracks organisiert war.

Auf der Konferenz habe ich einen Vortrag über die Probleme der Wiederverwendungs-Diskussion und die Potentiale eines Design for Maintenance gehalten, aber darüber möchte ich hier nicht schreiben.

In der restlichen Zeit habe ich die Gelegenheit genutzt, einige andere Sessions zu besuchen und mich mit anderen Konferenzteilnehmern zu unterhalten und ich möchte hier über zwei interessante Ideen schreiben, die ich in dem Kontext aufgeschnappt habe.

Als erstes habe ich einen Erfahrungsbericht bzgl. eines virtuellen Entwicklungsteams besucht, den Stephan Wald gehalten hat. An einer Stelle  in seinem Vortrag hat er festgehalten, dass die Entwicklung in virtuellen Teams nur mit einem bestimmten Typus Entwickler funktioniert. Er sagte, dass diese Art der Zusammenarbeit Entwickler braucht, die bereit sind, sich regelmäßig auszutauschen, ihre Ergebnisse zu teilen, zu dokumentieren, was sie getan haben, und so weiter. Oder um es andersherum auszudrücken: „IT Superhelden“ oder „einsame Cowboys“ (gemäß ihrer Selbstwahrnehmung), die immer alles allein machen und nichts teilen, insbesondere nicht ihren Code, passen nicht zu dieser Art von Projekten, selbst wenn sie extrem schnell Ergebnisse produzieren. Der virtuelle Ansatz funktioniert schlicht nicht mit dieser Art von Entwicklern.

Ich fand diese Beobachtung sehr interessant, weil ich schon immer ein wenig ambivalente Gefühle gegenüber diesen “Shared nothing”-Leuten gehegt habe. Auf der einen Seite waren diese Leute häufig exzellente Entwickler, die in der Lage waren, ein in Schieflage geratenes Projekt an einem Wochenende zu retten (weshalb sie bei Managern häufig sehr beliebt sind). Auf der anderen Seite erzeugten sie immer eine Art schwarzes Loch in ihrer Umgebung, mit dem sie sich unersetzlich machten – ebenfalls innerhalb eines Wochenendes.

Als ich beim Mittagessen mit in paar anderen Leuten darüber gesprochen habe, sagte ein anderer Speaker, dass er denkt, dass „IT Superhelden“ immer ein Problem sind, in jeder Art von Projekt. Virtuelle, verteilte Teams würden es nur sehr schnell sichtbar machen. Die anderen Leute am Tisch stimmten dem zu und ich glaube auch, dass er recht hat. Für meinen Teil denke ich mir, dass die Ära der „IT Superhelden“, dieser „einsamen Cowboys“ zu Ende gehen sollte oder anderenfalls werden die Projekte, an denen sie beteiligt sind, zu Ende gehen – und zwar früher als erwartet.

Die zweite interessante Sache, über die ich hier schreiben möchte, ist der Vortrag, den Peter Sommerlad gehalten hat, einer der Autoren des ersten POSA Buchs und mittlerweile Professor am Institute for Software in Rapperswil. Peter hat einen sehr interessanten Vortrag über „Decremental Development“ gehalten. Die Idee ist, alle unnötige Komplexität aus dem Code zu entfernen und den Code so auf einen Bruchteil seiner ursprünglichen Größe zu schrumpfen, wodurch er leichter zu verstehen und wartbarer wird.

Diesen Vortrag fand ich sehr interessant, weil er ebenfalls die Wichtigkeit wartbarer Software betont hat, unabhängig davon, ob auf Architekturebene, worüber ich in meinem Vortrag gesprochen habe oder auf Design- und Codeebene, worüber Peter gesprochen hat. Für meinen Teil denke ich, dass die Leute zumindest auf den Konferenzen beginnen zu verstehen, dass wartungsfreundliches Design und wartungsfreundlicher Code die wirklich kritischen Punkte sind, die dringend angegangen werden müssen, um die Gesamtkosten (TCO) von Software unter Kontrolle zu halten.

Es geht nicht darum, immer die billigste Implementierungsvariante zu wählen und damit punktuell einen gut aussehenden Business Case zu erzeugen, bei dem die Folgekosten, die diese billigste Lösung hervorruft, komplett ignoriert werden. Stattdessen geht es darum, die Gesamtkosten einer Anwendung unter Berücksichtigung ihres gesamten Lebenszyklus zu optimieren – und die Wartungsphase ist die mit Abstand größte Phase des Lebenszyklus einer IT Anwendung.

Ich denke, wenn die Leute beginnen, sich dieser Tatsache auf Konferenzen bewusst zu werden, dann mag es immer noch eine Weile dauern, bis es in der Breite der IT-Schaffenden ankommt, aber es ist definitiv ein Schritt in die richtige Richtung.

Das waren die zwei Ideen, über die ich schreiben wollte. Ein letzter Tipp: Sollten Sie einmal die SET besuchen, benutzen Sie die öffentlichen Verkehrsmittel. Wenn Sie – wie ich – die üblichen Verspätungen der Deutschen Bahn gewohnt sind, ist es einfach großartig, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, die so pünktlich und zuverlässig sind, dass man seine Uhr danach stellen kann. Deshalb: Benutzen Sie die öffentlichen Verkehrsmittel, lehnen Sie sich einfach zurück und genießen Sie es … 😉

Uwe Friedrichsen

Uwe Friedrichsen ist ein langjähriger Reisender in der IT-Welt. Als Fellow der codecentric AG ist er stets auf der Suche nach innovativen Ideen und Konzepten. Seine aktuellen Schwerpunktthemen sind Skalierbarkeit, Resilience und die IT von (über)morgen. Er teilt und diskutiert seine Ideen regelmäßig auf Konferenzen, als Autor von Artikeln, Blog Posts, Tweets und natürlich gerne auch im direkten Gespräch.

Share on FacebookGoogle+Share on LinkedInTweet about this on TwitterShare on RedditDigg thisShare on StumbleUpon

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.