Disruptive Innovation – Automobilindustrie

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Im Beitrag „Disruptive Innovation – Software eats the world“ habe ich grob beschrieben, warum ich denke, dass IT Trends wie Smartphone, Cloud, Social Media und Big Data nachhaltig die gesamten Geschäftsmodelle bestehender Unternehmen verändern werden. Angekündigt habe ich auch, dass ich mir unterschiedliche Branchen vornehmen werden, um Ideen zu entwickeln, wie diese Veränderung aussehen könnte. Anfangen möchte ich mit der Automobilindustrie – habe dort keine wirkliche fachliche Expertise – bin aber (wie fast jeder in Deutschland) ein echter Auto Fan und damit qualifiziert genug mir meine Gedanken zu machen. Gerne würde ich auch Eure Ideen dazu hören.

Mein Status Quo

Anfangen möchte ich meine Beiträge immer mit einem Blick auf mich selber, da es meine ganz persönlichen Überlegungen sind und ich diese auch auf meinen eigenen Erfahrungen beruhen.

Ich fahre zwei Autos: Einen Audi A6 als Firmenwagen und privat einen VW Multivan – letzteren fährt meine Frau und wir benötigen ein Fahrzeug das drei Kindersitze aufnehmen kann, so dass sich die Auswahl auf nur ein paar Fahrzeuge beschränkt. Privat nutze ich daher den Audi kaum noch, da die drei Kinder nicht reinpassen. Geschäftlich fahre ich 35.000km und privat  20.000km pro Jahr. Laut Bordcomputer beträgt die durchschnittliche Geschwindigkeit im Audi 58km/h seit dem ich Ihn habe. D.h. statistisch verbringe ich 603 Stunden im Auto bzw ca. 2 Stunden pro Tag. Privat habe ich keine Aufzeichnung der Durchschnittsgeschwindigkeit, aber ich gehe mal davon aus, dass sie geringer ist (weniger Autobahn Fahrten) und somit auch ca. 1,5 Stunden pro Tag gefahren wird. Im Firmenwagen fahre ich fast immer alleine (würde sagen 90-95% der Fahrten), manchmal zu zweit und fast nie mit mehr als zwei Leuten. Der Bus wird meistens mit der kompletten Familie genutzt.

Dazu kommen ca. 80-100 Flüge (hautsächlich innerdeutsch) pro Jahr und einige Bahnfahrten. Ich fliege hauptsächlich Strecken über 400km (z.B. Hamburg, Berlin, München), nehme die Bahn zwischen 200-400km (Frankfurt, Stuttgart, Karlsruhe) und die kurzen Strecken fahre ich mit dem Auto (bei mir hauptsächlich Köln/Bonn, Düsseldorf, Ruhrgebiet – ca. 30-60km je Strecke). Dazu nehme ich 2-4x pro Woche ein Taxi (wenn Nahverkehr mal wieder zu langsam ist), um vom Flughafen zum Ziel zu kommen – bleibe ich länger als einen Tag, nehme ich oft einen Mietwagen.

Die Auswahl treffe ich auf Grund der Reisezeiten – möchte ich zum Beispiel um 9 Uhr in einer unserer Niederlassungen sein, dann kann ich das ohne Übernachtung nur im Flieger nach HH, B und M schaffen und nur mit dem Zug nach Frankfurt und Karlsruhe. Den Nahverkehr meide ich – ist eine Katastrophe und dauert meistens doppelt so lang wie mit dem Auto.

Ein paar Analysen dazu:

– Meine Autos werden im Schnitt zwei Stunden am Tag genutzt, d.h. das Auto steht mehr als 90% der Zeit rum.

– Im Firmenwagen fahre ich meistens alleine. Wenn ich von den möglichen 4 Fahrgästen ausgehe, dann nutze ich das Fahrzeug mit weniger als 2% der möglichen Kapazität.

– Das Flugzeug und Bahn brauche ich für längere Strecken – mein Auto lasse ich dann im Parkhaus (und zahle für das rumstehen dann mehr als 20 EUR pro Tag) und nutzen Taxi/Mietwagen am Zielort.

– Insgesamt kostet meine Mobilität (hauptsächlich der geschäftliche Anteil) mehr als 40.000 EUR pro Jahr!

Insgesamt erinnert mich das sehr stark an die IT:

– Wir kaufen Server, um darauf Anwendungen zu betreiben, die wir nur wenige Stunden am Tag benutzen (-> fahre nur 2 Stunden im Durchschnitt).

– Wir legen Kapazitäten auf Spitzen aus (z.B. Weihachtsgeschäft) und den Rest des Jahres nutzen wir nur einen Bruchteil davon (-> fahre fast immer alleine in einem 4-5 Personen Auto). Zahlen aber ggf. noch die Stromkosten für den „Standby“ Modus (-> Parkhaus)

– Alle paar Jahre muss die Hardware ausgetauscht werden, weil dann die Wartung zu teuer wird.

– Für spezielle Aufgaben benötigt man ggf spezielle Hardware, wie z.B. „Großrechner“  (-> Flugzeug/Bahn)

– Trotzdem kann man nicht alle Anforderungen bedienen, wie z.B. punktuelle Lastspitzen (-> Firmenausflug mit Bus/Bahn oder LKW beim Umzug, etc.)

In der IT haben wir einen Lösung dafür gefunden: Cloud bzw. Infrastructure as a Service – hier können wir elastisch Kapazitäten und Services beziehen, so wie wir sie gerade brauchen  (siehe z.B. Amazon Web Services).

Die Mobilitäts-Cloud

Deshalb denke ich, dass sich auch die Mobilität in Richtung „Mobilitäts-Cloud“ entwickeln wird. Was bedeutet das? Perfekt wäre für meinen Bedarf: Ich kaufe als Firma/Privatmann irgendwo ein „Mobilitätsticket“ für eine monatliche Pauschale und bekomme dafür was ich gerade benötige:

– Ein E-Bike oder E-Car (z.B. BMW i3 oder Smart electro drive) um zur Arbeit zu fahren oder die kurzen Strecken zum Kunden zu fahren – an jedem Ort wo ich mich gerade auf der Welt befinde.

– Eine E-Limousine, wenn ich mit Kollegen zum Kunden fahre (mein Favorit ist gerade der Tesla S – alleine der 17 Zoll Touchscreen ist eine Fahrt wert)

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– Einen Van, wenn ich mit der Familie unterwegs bin (demnächst dann der Tesla X).

– Den Zug, wenn ich mittlere Strecken überbrücken muss – alleine oder mit der Familie.

– Das Flugzeug, wenn ich größere Strecken überbrücken muss – alleine oder mit der Familie.

Zusätzlich gegen Aufpreis würde ich dann gerne noch ein Cabrio bei schönem Wetter haben wollen oder mal einen Sportwagen am Wochenende. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Fahrzeuge haben eine viel bessere Auslastung – statt 2h pro Tag, können sie ggf 4, 6 oder 8 Stunden genutzt werden. Statt nur große Fahrzeuge zu fahren, wird es viel mehr kleine Fahrzeuge geben, da die meisten Strecken alleine oder zu zweit zurückgelegt werden. Mehr Verkehr würde auf Züge umgestellt werden, wenn diese im Preis enthalten sind. Zudem würden wir viel weniger Parkhäuser benötigen und es würden weniger Autos in den Städten rumstehen. Die Garage zu Hause brauchen wir ggf auch nicht mehr.

Für die Automobilindustrie natürlich nicht die beste Idee: Es würden deutlich weniger als die Hälfte der Fahrzeuge benötigt, steigert man  die Auslastung auf 8h , würden nur noch 25% der Fahrzeuge gebraucht – insbesondere aber auch viel mehr kleinere Fahrzeuge.

Die benötigten Technologien

Damit die „Mobilitätscloud“ perfekt funktioniert, müsste das Auto immer zur richtigen Zeit für mich bereit stehen. Warten oder Suchen des Fahrzeuges wäre ein entscheidender Nachteil. Zunächst müsste das System also wissen, was ich vorhabe und welches Fahrzeug ich dafür benötige. Google Now zeigt, wie es gehen könnte. An Hand meiner „Daten“ erkennt Google heute schon, was ich als nächstes vor habe, wo mein Arbeitsplatz ist und sagt mit auf Basis der aktuellen Verkehrslage wann ich zum nächsten Termin losfahren muss oder ob mein Flieger Verspätung hat. Mein Smartphone weiß, wo ich mich gerade befinde und wann ich wo sei möchte – genug Infos, um mir zur richtigen Zeit das richtige Fahrzeug zur Verfügung zu stellen.

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Services wie DriveNow oder Car2Go bieten heute schon Car Sharing an – d.h. die Fahrzeug Infrastruktur existiert schon (wenn auch nur in einzelnen Städten). Leider muss man heute noch ein Auto über seine App suchen und dann dort zu Fuß hin navigieren. Die Alternative sind Dienste wie MyTaxi oder Uber – sie funktionieren auch per App und auf Knopfdruck kommt ein Taxi oder eine Limousine zum Fahrgast – allerdings bezahlt man hier den Fahrer und das macht die Sache für die Dauernutzung finanziell unattraktiv.

Allerdings funktioniert heute schon autonomes Fahren – Audi hat als erster Hersteller eine Lizenz in Bundesstaat Nevada erhalten. Noch muss ein Fahrer mit im Auto sitzen, aber laut Audi wird die Technik noch in diesem Jahrzehnt soweit sein, so dass Autos alleine fahren können. Dazu arbeiten fast alle Hersteller an Car-to-Car und Car-to-X Kommunikation – dabei kommunizieren Autos miteinander bzw. Autos mit anderen Geräten, wie Ampeln oder Brücken. Alles Technik, die fast schon serienreif ist.

Kombiniert man jetzt die Technik wie Google Now mit der Flotte und den Apps von DriveNow & Co und stattet die Autos mit autonomer Fahrtechnik und Car-to-X Kommunikation aus, dann haben wir alles, was man benötigt. Hier ein Beispiel: Google Now weiß, dass ich morgens einen Termin um 9 Uhr in München habe und den Flieger um 6:00 Uhr nehmen muss. Um 5:15 Uhr fährt deshalb ein Elektro Smart bei mir vor der Tür vor, der schon einen Nachbarn aufgesammelt hat, der auch zum Flughafen muss. Am Flughafen fährt der gleiche Smart dann einen ankommenden Reisenden in die Düsseldorfer Innenstadt, um dort dann eine alte Frau vom Arzt nach Hause zu fahren (usw.). Natürlich geht alle schneller, weil viel weniger Fahrzeuge auf der Straße sind und die Strecken bekannt sind, so dass Staus vermieden werden können. Bahn und Fluggesellschaften erhalten von den Systemen so früh wie mögliche die Info über Fahrgäste, so dass Zuglänge/Flugzeugtyp und auch Abfahrts-/Abflugzeiten dynamisch optimiert werden können.

Disruptive Innovation

Die Mobilitätscloud ist deshalb disruptiv für die Automobilindustrie, weil man nicht mehr ein Stück Hardware kauft (sprich Fahrzeug), sondern Mobiliät as a Service (MAAS :-)). Ähnlich wie ein Buchhändler führend bei Cloud Computing ist (und kein großer Server Hersteller), wird es wahrscheinlich auch ein ganz anderes Unternehmen sein, das den MAAS Markt beherrschen wird – beispielsweise könnte es eine Firma wie MyTaxi sein, die vom Modell her schon richtig denken. Zudem müssten die Hersteller viel schneller in kleinere Autos mit elektrischem Antrieb investieren, da der Bedarf durch die MAAS Anbieter sprunghaft steigen würde.

Aus meiner Sicht würde sich so ein Service auch locker finanzieren lassen – zumindest volkswirtschaftlich gesehen:

– Viel geringere Kosten für den Erhalt der Verkehrs-Infrastruktur – ein aktueller Artikel des Cicero sagt beispielsweise, dass der Erhalt dieser Infrastruktur in den nächsten Jahren hunderte Milliarden EUR kosten wird.

– Weniger ökonomische Ausfälle durch Staus/Umleitungen & Co. Der Artikel des Cicero sagt beispielsweise auch, dass alleine einen 90-Tage Umleitung der Brücke auf der A1 ca. 250 Millionen EUR kostet. Der Schaden durch Staus etc. dürfte die Wirtschaft damit auch Milliarden pro Jahr kosten.

– Bessere Nutzung der Innenstädte für Wohnflächen etc. statt Parkplätzen.

– Weniger Unfälle/Verletzte. Es ist doch irgendwie bezeichnend, dass die EU mit viel Aufwand ein System wie eCall einführt, das ab 2015 in neuen Autos vorhanden sein muss, um schwere Unfälle zu erkennen und automatisch den Krankenwagen zu rufen. Bis wir dann eine vernünftige Verbreitung von eCall haben ist es wahrscheinlich 2025 – da fährt doch keiner mehr selber Auto, oder? Bzw. weiß Google Now dann eh schon vor uns, dass wir einen Unfall haben werden und der Krankenwagen steht schon am entsprechenden Baum bereit 🙂

– Weniger Kosten durch CO2 und andere ökologische Verschmutzungen.

Mit modernen Technologien wie Smartphone, Telematik, Big Data und Cloud sind die Grundlagen für eine Mobilitätscloud heute schon vorhanden. Die Technik in Autos, wie autonomes Fahren und elektrische Autos kontaktlos aufgeladen werden, sind noch in diesem Jahrzehnt ausgereift . Die Finanzierung ist möglich. Was denkt Ihr – wird MAAS kommen? Gibt es andere disruptive Innovationen/Ideen in diesem Segment?

Als Mitbegründer und Advisor der codecentric AG berät Mirko bei der strategischen Ausrichtung des Unternehmens. Er ist Geschäftsführer und Mitgründer der Startups CenterDevice und Instana – beides disruptive Geschäftsmodelle auf Basis von Big-Data- und Cloud-Technologien.

Seine Interessen liegen im Bereich der Veränderung von Geschäftsmodellen durch moderne Technologien und Software, also der zunehmenden Digitalisierung der Welt und den daraus resultierenden Veränderungen und Potential für Unternehmen.
Im Privatleben widmet er sich am liebsten seiner Familie, zum sportlichen Ausgleich fährt er Mountainbike.

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