Decentralized Autonomous Organization – Organisationen auf der Blockchain

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Klassische Organisationen sind uns in allen Dimensionen bekannt. Von klein bis gigantisch, non-profit bis kapitalistisch und aus verschiedensten Unternehmensformen und Strukturen setzt sich die globale Organisationslandschaft zusammen. Die häufigste Gemeinsamkeit zwischen den Ausprägungen ist jedoch, dass eigentlich alle Organisationen eine zentrale Instanz haben, die den Großteil der Steuerung ausübt.

Mit zunehmender Verbreitung der Blockchain-Technologie (Was ist Blockchain?) erscheinen nun auch dezentrale, autonome Organisationen auf der Bühne. Sie zielen auf eine Organisationsform ab, die keine zentrale Instanz benötigt, übliche Mittelsmänner ausschließt und durch die Blockchain maximales Vertrauen und Transparenz schafft.

Doch was hat es mit Decentralized Autonomous Organizations (DAOs) eigentlich genau auf sich?

Was ist eine DAO?

Eine Decentralized Autonomous Organization ist eine Organisation, die durch Smart Contracts (verteilte Computerprogramme) definiert wird. Diese Contracts werden durch eine Blockchain am Leben gehalten. Der Code wird also dezentral ausgeführt und der Zustand darüber durch einen Konsens im System aufrechterhalten.

Diese Verträge, die auch oft als “programmable money” bezeichnet werden, implementieren also durch Source Code alle verfügbaren Vorgänge, Cash Flows, Regeln und Rechte der Organisation. Die Mitglieder der Organisation könnten zum Beispiel rollenbasiert über diese Smart Contracts erfasst und verwaltet werden, um Berechtigungen innerhalb der Organisation und Tätigkeitsfelder zu definieren. Sie sind ab dann in der Historie der Blockchain vermerkt und können intern mit der Organisation interagieren. Zum aktuellen Zeitpunkt kann also immer ihre Zugehörigkeit zur Organisation nachgewiesen werden.

Dazu müssen die nötigen Smart Contracts natürlich deployt werden und erweiterbar bleiben. Es läuft also darauf hinaus, dass eine schon anfangs existente Personengruppe die Basis für die eigentliche DAO erschafft und dafür sorgt, dass auf dieser aufgebaut werden kann. Die Modifikation der Organisation findet somit über Änderungen ihres Codes statt. Der zur Veränderung der Organisation erforderliche erweiterte Code muss also wieder implementiert, getestet, reviewt und deployt werden. Der Zustand (Mitglieder, Finanzen, Entscheidungen etc.) wird hingegen durch Transaktionen auf der Blockchain im Zusammenhang mit den bestehenden Smart Contracts verändert. Wenn also ein Dienstleister bezahlt wird oder ein Mitglied hinzugefügt wird, geschieht das mit Hilfe einer Transaktion auf der Blockchain.

Das klingt alles noch sehr abstrakt und futuristisch, weswegen wir als nächstes einen Blick auf Beispiele und mögliche Anwendungsfälle einer DAO werfen.

Beispiele und Verwendungszwecke

Bisher lassen sich DAOs hauptsächlich im FinTech-Sektor finden. Hier stehen vor allem die digitalen Währungen im Fokus. Diese können von einer ausgeklügelten Organisationsstruktur und den daraus resultierenden schnellen Entscheidungswegen an einem volatilen und schnelllebigen Markt profitieren.

Ein bekanntes und recht puristisches Beispiel ist “Dash” (Digital Cash). Die Weiterentwicklung des Projektes und die Aufteilung des Budgets wird ganz öffentlich über Vorschläge geregelt. Über diese Vorschläge dürfen diejenigen abstimmen, die einen Hauptknoten des Netzwerkes betreiben. Der Betreiber muss viel Kapital in Dash für die Lizenz zum Betreiben des Knoten einfrieren und wird dafür kontinuierlich belohnt. So wird innerhalb von relativ kurzer Zeit über Entscheidungen abgestimmt, für die andere Projekte und klassische Organisationen aus der Wirtschaft oft Monate oder sogar Jahre benötigen. Nicht zuletzt gelingt dies bei Dash auch wegen der erfolgreichen Einbindung von externen Auftragnehmern, die sogar in Dash bezahlt werden.

Ein eher bitter in Erinnerung bleibendes Beispiel ist “The DAO”, ein Venture Capital Fund, der mittels Ethereum Smart Contract umgesetzt wurde. Dieser dezentrale Capital Fund sollte als Hub zum Verteilen von Investitionen an andere Projekte fungieren. Die Anteile an The DAO wurden bei einem Token Sale im Jahre 2016 an Investoren veräußert. Mit den gegen eine Investition ausgegebenen Token bekam man in der Organisation Stimmrechte, um über die zur Debatte stehenden Projekte abzustimmen.
Während des Sales wurde eine Schwachstelle im Code ausgenutzt. Knapp ein Drittel des Investments konnte dadurch von Angreifern entwendet werden. Dieses Geschehnis wird noch immer kontrovers diskutiert und führte zu einem Hardfork der Ethereum Blockchain, wegen der nun zwei verschiedene Projekte, Blockchains und schließlich auch Coins existieren: Ethereum und Ethereum Classic.

Auch die Social-Media-Plattform Steemit wird von einer DAO betrieben (steem.io). Hierbei geht es darum, die Erstellung von gutem Social Media Content zu belohnen und ihr Aufmerksamkeit zu schaffen. Blogger, Unternehmer und Leser werden zusammengebracht und sollen für ihre Arbeit belohnt werden. Belohnungen werden in eigener Währung übertragen und können ausgezahlt oder als Belohnung weitergenutzt. Die benötigte Infrastruktur für die Plattform wird ebenfalls dezentral aufgebracht und soll mehr Anfragen als Reddit bearbeiten können.

Anhand der aufgezählten Beispiele und des generischen Charakters der Blockchain und Decentralized Autonomous Organisations wird deutlich, dass den Anwendungsfällen eigentlich keine Grenzen gesetzt sind. DAOs können Prozesse, Geldfluss, Entscheidungen, Anteile und viele weitere Aspekte auf der Blockchain abbilden. Schon morgen könnte sich das nächste große Projekte auf diese Art organisieren.

Offensichtlich ist jedoch, dass wir hier über etwas völlig Neues reden, dessen Potential wie auch Risiko noch nicht in vollem Ausmaß bekannt ist. Daher sollten wir einen Blick auf aktuelle Diskussionen sowie klare Vor- und Nachteile werfen.

Komponenten und Eigenschaften einer DAO

Eine Menge Verträge bildet alleine noch keine sinnvolle Organisation. Einer Organisation muss es möglich sein, Entscheidungen zu treffen, liquide zu sein und mit internen und externen Instanzen zu kommunizieren. Schließlich muss Geld in die Organisation gelangen, Mitarbeiter und Dienstleister müssen entlohnt werden und die Interaktion mit dem Rest der Welt muss möglich sein.
Die folgenden Komponenten sind Beobachtungen von heutigen DAOs und Synergien mit der Blockchain-Technologie entnommen. Welche Ergänzungen die Zukunft der Blockchain-Welt für uns bereithält, bleibt mit Spannung abzuwarten.

Autonomie

Alle Komponenten müssen über eine Blockchain und ihre Mechanismen implementiert sein. Source Code ist Allgemeingut und kann von jedermann eingesehen werden. Es gibt keine zentrale Verwaltungsinstanz. Trotz des Fakts, dass die Organisation initial von jemandem erstellt werden muss (ohne dass die benötigten Komponenten schon nutzbar sind), muss danach garantiert werden, dass es keine zentrale Instanz im System gibt, die als “Backdoor” gesehen werden kann. Die angestrebte Autonomie kann dazu genutzt werden, den Einfluss der Außenwelt auf die Organisation so minimal wie möglich zu halten.

Währung

Um sich nicht komplett an eine zentrale Währung zu binden, sollte es im Ökosystem der DAO am besten eine eigene Währung, auch “Token” genannt, geben. Diese wird für die Bezahlung, Investitionen von außen und schließlich den Vermögensaufbau innerhalb der Organisation genutzt. Die DAO ist dadurch zumindest intern liquide. Finanzielle Interaktionen mit der Außenwelt geschehen natürlich über eine Wechselstelle. Ein indirekter Kontaktpunkt mit klassischem zentralen Fiatgeld wie Dollar oder Euro scheint dadurch bisher noch unvermeidbar.

Vorschläge

Damit sich die Organisation weiterentwickeln kann, müssen Entscheidungen über ihre Zukunft getroffen werden. Zunächst muss es aber einen Punkt geben, an dem mögliche Richtungen und Maßnahmen zur Weiterentwicklung ins Spiel kommen. Dies kann ganz demokratisch über Vorschläge geschehen, die jedes Mitglied der Organisation (oder einer bestimmten Rolle) abgeben kann.

Transparenz

Für Mitglieder der Organisation müssen alle Vorgänge und Mechanismen vollkommen transparent sein. Somit können alle daran teilnehmen und gemeinsam an einer Sache arbeiten. Durch die Erfassung aller Aspekte und Vorgänge auf der Blockchain ist dies auch gegeben und eine Manipulation wird “theoretisch unmöglich” gemacht. Vertrauen ohne Bauchschmerzen soll das Resultat sein.

Abstimmung und Konsens

Ebenfalls ganz demokratisch dürfen Mitglieder über Budget, Umsetzung und ggf. weitere Details von Vorschlägen abstimmen. Die Mitglieder müssen untereinander einen Konsens erreichen. Sie können unterschiedlicher Meinung sein, aber müssen sich letztendlich auf einen Konsens einigen, um den Zustand der Blockchain zusammen zu bestimmen. Bei Bitcoin müssen die Miner zum Beispiel das gleiche Verständnis darüber haben, welche Zahlungshistorie gültig ist und als die Wahrheit angesehen wird.
Ist das vorhanden, ist die Organisation theoretisch schon in der Lage Entscheidungen zu treffen und sich in der Welt zu behaupten.

Externe Auftragnehmer

Mitglieder der Organisation können Einfluss auf die Entwicklung der Organisation ausüben und natürlich auch selber bei der Umsetzung der angenommenen Vorschläge beteiligt sein. Gemäß implementierter Regeln werden sie vielleicht sogar dafür belohnt.
Trotzdem ist es wahrscheinlich, dass die Organisation Hilfe bei der Bewerkstelligung von Softwareentwicklung, Marketing und weiteren Disziplinen benötigt.
Hier sind externe Dienstleister aus der “zentralen Welt” wohl unausweichlich. Die Bezahlung kann entweder in der eigenen Währung oder durch eine teilweise Liquidierung in Fiatwährungen geschehen.

Komponenten einer Decentralized Autonomous Organization

Vorteile, Nachteile und ein Blick in die Kristallkugel

Vieles klingt ungewöhnlich. Einige Vorteile liegen aber auf der Hand: maximale Automatisierung, minimale Kosten und schnelle Entscheidungen. Für die Verwaltung, die für die bloße Existenz einer DAO notwendig ist, werden keine Mitarbeiter benötigt. Menschliche Arbeit wird automatisiert und reduziert die Komplexität und Trägheit klassischer Unternehmen stark. Außerdem ist keine einzige Niederlassung von Nöten. Mitwirkende aus der Community und Auftragnehmer können daher über die ganze Welt verteilt von jedem Ort aus arbeiten.

Offensichtlich löst sich eine DAO von jeglichem zentralen Aspekt und kann trotzdem an jedem Platz der Welt sein. Ebenso ist sie somit theoretisch an keinen Staat und keine Regierung gebunden – wenn es keine eingetragene Organisation gibt, wo soll sie dann offiziell ansässig sein? Die einfachste Antwort ist wohl: nirgendwo.

Für eine DAO klingt dies sehr vorteilhaft: Alle störenden Gesetze und Steuern, um die sich Unternehmen kümmern müssen, fallen weg.
Es ist allerdings fraglich, ob es in der Zukunft einfach so bleiben wird. Ein unfairer Nachgeschmack bleibt und viele Regierungen und Konzerne werten dies wahrscheinlich als Angriff. Das Risiko der strengen Regulierung oder sogar Boykottierung an den Grenzen einer DAO zur “echten Welt” ist ein großes Fragezeichen.

Ein weiterer kontroverser Punkt ist Vertrauen. Blockchains sollen Vertrauen bringen, DAOs sind somit Organisationen des Vertrauens, da jeder Teilnehmer darauf vertraut, dass das System fair implementiert wurde und stetig verbessert wird. Da das System zum Beispiel durch Smart Contracts implementiert ist, die nichts anderes als verteilt ausgeführter Code sind, vertraut man die komplette Organisation einem Programm an. Programme werden weiterhin von Menschen entwickelt, die Fehler machen können.
Ein großes Risiko sind damit Schwachstellen in der jeweiligen Blockchain-Software und den darauf ausgeführten Smart Contracts. The DAO zeigte, dass ein kleiner Fehler das Kartenhaus zum Einsturz bringen kann. Wenn es zusammenfällt, gibt es keine rettende Instanz oder rechtliche Barriere, die Anteilseignern helfen kann. Alles Vertrauen liegt im Code.

Der Blick in die Kristallkugel verrät uns nicht, ob Software jemals fehlerresistent sein kann. Ebenso wissen wir nicht, ob und wie Regierungen DAOs regulieren werden und wie der Rest der Welt mit diesen umgehen wird.
Wie geht es hier weiter? Wir müssen uns mal wieder damit begnügen, nicht in die Zukunft sehen zu können.

Zusammenfassung

Decentralised Autonomous Organisations sind eine interessante Entwicklung, die mit dem Interesse an der Blockchain-Technologie Einzug in das Spektrum der digitalen Produkte halten. Es wird damit eine Organisationsform beschrieben, die vollständig durch Software manifestiert ist und standort- sowie staatenlos interagieren kann. Zur Umsetzung und Weiterentwicklung werden Teilnehmer und externe Auftragnehmer als Vehikel vorgesehen, da eine DAO selber üblicherweise keine Angestellten hat. Man verspricht sich davon, eine flexible, günstige und transparente Organisationsform gefunden zu haben.

Trotz der interessanten Vorteile und lebendigen Beispiele, die mit dem Boom der Kryptowährungen aus dem Boden sprießen, gibt es noch einige ungeklärte Fragen. Dazu gehört die Staatenlosigkeit und Rechtssicherheit. Auf der Schwelle zwischen DAO und “normaler” Wirtschaft gibt es von klassischen Parteien (Regierungen, Banken, Konzerne) ausgehend das Risiko der Regulierung und Boykottierung.
Auch die tiefe Verletzbarkeit einer DAO über fehlerhaften Source Code oder technische Risiken wie die 51%-Attacke ist kontrovers diskutiert und wirft noch viele Fragen auf.

Für eine Welt und Wirtschaft mit mehr Vertrauen, Transparenz, Fairness und Fortschritt ist es aber sicherlich interessant, die Entwicklungen rund um das Thema Blockchain zu verfolgen und zu unterstützen. Es gibt sicherlich Organisationen, Projekte und Unternehmen, die in einer DAO eine bessere Heimat finden könnten.

Jonas Verhoelen

Jonas ist seit Abschluss seines Software Engineering Studiums als IT Consultant und Entwickler bei der codecentric tätig. Er interessiert sich vor allem für die Umsetzung von Microservice Landschaften mit verschiedensten Technologien.
Außerdem beschäftigt er sich mit der Blockchain Technologie und Smart Contracts sowie möglichen Anwendungsfällen.

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