Empathie – Elementare Eigenschaft agiler Entwickler

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Ein Software-Entwickler in einem agilen Team muss heute einige Soft Skills mitbringen, die er früher wohl nicht gebraucht hätte. Es wird zum Beispiel erwartet, dass er eigenverantwortlich arbeitet und handelt. Insbesondere für Entwickler, die nicht in einem agilen Umfeld aufgewachsen sind, kann das völlig neu sein. Denn in einem „klassischen“ Entwicklungsumfeld ist es möglich (und wird mitunter sogar erwartet), dass ein Entwickler die ihm zugewiesenen Aufgaben ohne Rück- oder Hinterfragen abarbeitet.

Eine un(?)bequeme Entwicklung

In agilen Teams sieht die Welt anders aus. Die Prinzipien der agilen Softwareentwicklung stellen selbstorganisierte Teams und ein hohes Maß an Abstimmung und Kommunikation in den Mittelpunkt:

Fachexperten und Entwickler müssen während des Projektes täglich zusammenarbeiten.

Die besten Architekturen, Anforderungen und Entwürfe entstehen durch selbstorganisierte Teams.

Zwölf Prinzipien Agiler Softwareentwicklung, Agiles Manifest

Die ehemals konzentrierte Verantwortung geht vom Projektmanager auf das gesamte agile Team über. Das Team ist nun z.B. verantwortlich für:
 

  • Die Qualität des Produkts
  • Die Außenwirkung des Projekts
  • Die Einhaltung von Fristen und die Zielerreichung
  • Die Arbeitsatmosphäre und die Stimmung im Team

Diese Verschiebung der Zuständigkeiten fällt nicht jedem einfach. Dem Projektmanager werden zahlreiche Befugnisse genommen oder seine Rolle entfällt gar komplett, gleichzeitig ist keinesfalls jeder Entwickler davon begeistert, Verantwortung für sich selbst, seine Arbeit und das Projekt zu übernehmen.

Entwickler brauchen neue Fähigkeiten

Doch: Es hilft ja nichts. Entwickler in agilen Teams müssen mit der Zeit aus ihrer reinen Programmierer-Rolle herauswachsen und einige neue (weniger technische als viel mehr menschliche) Fähigkeiten entfalten. Eine dieser Fähigkeiten, die meiner Meinung nach von unschätzbarem Wert ist, ist die Empathie.

Empathie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen.
Wikipedia 🙂

Einerseits hilft uns Empathie, das Handeln anderer Menschen zu verstehen („Wie sieht die Person die Situation?“). Andererseits ist sie auch ein zentrales Mittel der Selbstreflexion („Wie sehen mich andere Menschen?“). Ein Wechsel der Perspektive lässt uns Situationen verstehen, die aus einem anderen Blickwinkel völlig unverständlich sind, und liefert die Erklärung für Reaktionen, mit denen wir auf den ersten Blick nicht einverstanden sind, z.B.
 

  • Mit dieser Reaktion hätte ich niemals gerechnet
  • Wieso freuen sie sich so über diese Kleinigkeit?
  • Sie haben total überreagiert

Und wie soll mir das helfen?

Ein Entwickler in einem agilen Team steht mit Fachexperten, Kunden, Stakeholdern und Kollegen anderer Teams in Kontakt. Diese Personen haben unterschiedliche Interessen, Vorstellungen und Erwartungen, aber auch Hintergründe und Gefühlslagen. Wer sich in sein Gegenüber hineinversetzen und Verständnis aufbauen kann, vermeidet Reibungsverluste, erweitert sein Netzwerk leichter und erreicht seine Ziele mit weniger Mühe. Schauen wir mal, wie ein Perspektivwechsel die Situation verändern kann:

Das neue Teammitglied nervt. Sein einziges Problem scheint die geringe Testabdeckung zu sein.

Wenn ich weiß, dass er früher als Operator nachts wegen unnötiger Bugs aus dem Bett geklingelt wurde, erkenne ich, dass er aus Erfahrung spricht und gute Gründe hat.

Unser Stakeholder möchte ein halbfertiges Feature unbedingt noch diese Woche live nehmen. Das lehne ich mit einem Verweis auf unsere Definition of Done ab.

Unsere Konkurrenz ist auf Zack – Wir verlieren jeden Tag dutzende Kunden, und dieses Feature ist bedeutend. Nehmen wir das nicht ernst, schlittern wir womöglich in massive Probleme.

Ein Kollege schwärmt seit Wochen für eine Technologie XY. Er ist wirklich überzeugt! Das Team möchte den Mehrwert jedoch nicht so richtig einsehen..

Ein alter Bekannter des Kollegen vertreibt das Produkt XY. Ich verstehe, dass er diesem einen Gefallen tun möchte, sehe jedoch auch, dass seine Begeisterung nicht nur dem Produkt entspringt.

Wie lerne ich die Fähigkeit zum Perspektivwechsel?

Zunächst die schlechte Nachricht: Empathie lässt sich nicht ernsthaft durch Lesen oder einen Kurs erlernen, sondern muss aktiv trainiert werden. Doch keine Sorge: Man muss kein besonders „emotionaler“ Mensch sein, um empathischer zu werden. Wer die Einschätzung überwindet, die eigene Wahrnehmung sei die einzig gültige, findet im Alltag ausreichend Trainingsmöglichkeiten. Der erste Schritt ist, sich zwei Dinge zu fragen: „Warum handelt mein Gegenüber genau so?“ und „Wie wirkt unser Handeln auf andere?“.

In agilen Projekten bietet die Retrospektive einen geschützten Raum, Beweggründe und Verhalten anderer Personen zu thematisieren, wobei insbesondere die Schnittstellen des Teams von Interesse sind. Wenn ein Kunde oder Stakeholder nicht wie erwartet reagiert, sollte geklärt werden, wieso. Gleiches gilt für unverständliche Entscheidungen, die getroffen werden. Zusätzlich sollte der Product Owner eine klare Sicht von außen auf das Projekt und das Projektumfeld liefern können, und wissen, warum das Projekt in welche Richtung steuert. Damit liefert er den nötigen Kontext für viele Handlungen.

Nicht immer einfach, aber oft die beste Lösung bleibt das persönliche Gespräch. Erfahrungsgemäß erfüllt es die meisten Menschen mit Freude, wenn man ihnen mit aufrichtigem Interesse begegnet.

In diesem Sinne – Haben Sie sich schon gefragt, warum ich diesen Blog-Artikel geschrieben habe?

Tobias Schaber

Neben seinem Schwerpunkt „Verteilte Systeme“ beschäftigt sich Tobias mit der Automatisierung von Infrastruktur und komplexen Systemen wie z.B. Elasticsearch-Clustern. Mit ihm im Team ist außerdem immer ein leidenschaftlicher Verfechter agiler Softwareentwicklung zur Stelle, der gerne mal ein flammendes Plädoyer für agile Methoden hält.

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