Gemeinsam besser zu werden beginnt mit Dir selbst

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Mein Kollege Patrick hat kürzlich einen tollen Blog-Beitrag geschrieben. Er beschreibt, was ein agiles Mindset ausmacht. Ich möchte es kurz wie folgt zusammenfassen: Menschen sehen in neuen Dingen Chancen zu wachsen und besser zu werden.

Es geht also darum, aufgeschlossen zu sein, Neues willkommen zu heißen und sich so Herausforderungen zu stellen, die man schließlich als Reflektionsfläche für sich selbst betrachtet. Und zwar als Reflektionsfläche, die uns aufzeigt, dass wir in manchen Dingen wirklich gut sind. Die sollten wir stärken. Andere Dinge hingegen, die wir erkennen, könnten wir beim nächsten Mal besser machen. Zu beantworten, welche das jeweils sind, liegt letztlich bei uns.

4 Punkte für den gemeinsamen Erfolg

Arbeiten wir mit mehreren Menschen gemeinsam an einem Thema (die Gründe hierfür wären einen eigenen Blog-Beitrag wert), sollten idealerweise alle diese Haltung mitbringen und sich gegenseitig beim individuellen Wachstum und dem des Teams unterstützen. Damit das funktioniert, gibt es aus meiner Sicht vier entscheidende Punkte:

1.) Gehe auf deine Mitmenschen aufgeschlossen und mit echtem Interesse zu.


Auf Zulu gibt es ein einzigartiges Wort, um seinem Gegenüber „Hallo“ zu sagen: Sawubona. Das heißt: Ich sehe dich und dadurch, dass ich dich sehe, bist du. Was für eine wunderschöne Art, auf Menschen zuzugehen! Jeder Einzelne ist wichtig, aber erst dadurch, dass er von anderen wahrgenommen wird. Das bedeutet auch, jedem entsprechenden Raum zu geben. Und das von Anfang an und bedingungslos. Also:

2.) Gib deinen Mitmenschen den Raum, damit sie ihre Fähigkeiten einbringen (und wahrnehmen) können.


Um sich zu öffnen und seine Fähigkeiten zu zeigen, aber eben auch seine Defizite, die nunmal jeder hat, bedarf es eines vertrauensvollen Umfelds und Umgangs miteinander. Maximal vereinfacht gibt es evolutionsbedingt zwei basale Wahrnehmungssituationen: Belohnung und Bedrohung. Das, was das Gehirn als Belohnung erkennt, lässt es zu. Diesen Sachen wenden wir uns zu. Das, was es als Bedrohung erkennt, triggert den Fight-/Flight-/Freeze-Reflex. Wir vermeiden möglichst den Kontakt. (1) Wenn wir also eine gute (und bei Wissensarbeitern auch kreative) Leistung erzielen wollen, sollten wir dafür sorgen, dass es ein Umfeld gibt, in dem wir die Fight-/Flight-/Freeze-Reaktion vermeiden. Im Gehirn sind übrigens bei Angst die gleichen Bereiche aktiv, wie sie es auch bei körperlichen Schmerzen sind. (2) Dass unter diesen Umständen Leistungen weit unter ihrem Potential bleiben, kann sich sicherlich jeder vorstellen.

Neben einem Umfeld, das Menschen ermutigt, ihre Fähigkeiten innerhalb eines Teams einzubringen, sollten wir es ebenso ermöglichen, dass jeder seine Leistung auch wahrnehmen kann. (Das meint übrigens nicht, dass es eine direkte Kausalität zwischen dem Ergebnis und der eingebrachten Einzelleistung gibt, die eine Bewertung dieser zulässt.) Zeit und Fläche sollten ausreichend vorhanden sein, die eigene Leistung als solche und bewusst wahrzunehmen, um sein Handeln reflektieren zu können. Das ist die Voraussetzung, um sich überhaupt verbessern (oder auch akzeptieren) zu können.

3.) Mache das Wozu klar.

Damit Menschen bereit sind, ihre Fähigkeiten und Leistung einzubringen, ist, zusätzlich zum passenden Umfeld, das Ziel relevant. Und dies nicht (nur) im Sinne von Inhalt, Ort, Zeit und Zustand. Es muss klar werden, was dadurch erreicht werden soll.
Es macht einen entscheidenden Unterschied, ob ich sage „Wir wollen am Ende des Jahres 1.000 Neuverträge haben“ oder „Wir werden am Jahresende 1.000 zufriedene Kunden mehr haben“. Was bleibt bei der ersten Aussage im Gedächtnis? Ich denke, in den meisten Fällen die 1.000. Und in der zweiten? Da ist es der zufriedene Kunde, der im Fokus steht.

Wenn wir es jetzt noch hinbekommen, diese Aussage anzureichern und stärker zu emotionalisieren, schaffen wir den Weg in noch mehr Köpfe: „Zufriedene Kunden sind die, mit denen wir eine langfristige Bindung eingehen, da sie auch uns ein gutes Gefühl geben. Deshalb hören wir ihnen zu und versuchen, ihre Bedürfnisse zu verstehen. So werden wir es schaffen, 1.000 neue Kunden bis zum Ende dieses Jahres zu haben.“
Was bleibt hier? Ich vermute, wieder die Zahl. Doch dieses Mal auf einer anderen Basis. Wir verstehen die Motivation. Die liegt auf der emotionalen Ebene, mit der wir uns leicht identifizieren können. Und die Zahl als konkret erreichbares Ziel ist etwas, auf das wir gemeinsam hinarbeiten können. Ob es 948 oder 1.273 am Ende sind, ist dabei ziemlich egal. Die Motivation ist entscheidend.

4.) Das alles gilt auch für Dich.

Ja, genau. Anderen kluge Ratschläge zu geben ist relativ einfach. Dass sie diese anwenden, ist ja nicht mehr deine Verantwortung. Schwieriger ist es schon, das alles selbst zu berücksichtigen; sich zu fragen, ob man dem selbst immer nachkommt. Doch am schwierigsten – und das meine ich mit „Das alles gilt auch für dich.“ – ist es, das alles auf sich selbst zu beziehen und es bei sich selbst anzuwenden.

Wann warst du das letzte Mal neugierig auf Dich selbst und hast über das, was Du tust, voller Vorfreude auf die Antwort nachgedacht? Und wann hast Du Dich zum letzten Mal möglichst unvoreingenommen gefragt, was Dir so richtig gut gelungen ist? So richtig gut in der letzten Woche, gestern oder seit Du heute Morgen aufgestanden bist. Und wann hast Du das auch ernsthaft beantwortet?

Wir neigen zwar dazu, Dinge, die gut laufen, uns selbst zuzuschreiben und umgekehrt, für das Schlechte, äußere Umstände verantwortlich zu machen. (3) Doch das auf einem generelleren Level. Wenn es ganz konkret werden soll, sind wir in der Regel eher schlecht darin, das Positive wahrzunehmen und zu schätzen. Wir tendieren dazu, uns zu vergleichen, und das meistens auch mit denen, die besser sind als wir, was zwangsläufig zu Unzufriedenheit führt. Wir bekommen den Eindruck, dass wir schlechter sind als andere. Gemessen an der Betrachtungsgruppe stimmt das dann auch. Doch darin liegt der Fehler. Wir sollten uns nicht nur vergleichen und schon gar nicht ausschließlich mit den Besseren. Wir sollten versuchen, unsere Fähigkeiten wahrzunehmen, anzunehmen, zu nutzen und bewusst zu reflektieren, wo wir uns verbessern wollen. An welchen Situationen wir wachsen wollen und wozu. Und das beginnt damit, dass wir uns vorurteilsfrei selbst wahrnehmen. Also „Sawubona“ zu unserem Selbst sagen.

Eine mögliche Lesart des ersten Wertepaars

Ich denke, in Summe ist das eine mögliche Lesart des ersten Wertepaars aus dem Agilen Manifest (Menschen und Interaktionen sind wichtiger als Tools und Prozesse). Es geht darum, individuelle Fähigkeiten zuzulassen, aufzudecken und aufzuwecken. Menschen zusammenzubringen, um ein gemeinsames Ziel, das uns auf emotionaler Ebene berührt, möglichst schnell zu erreichen. Und die Überzeugung zu haben, gemeinschaftlich besser werden zu können.

Literatur / Links

(1) Rock, David (2009). Managing with the brain in mind. strategy&business, 56.
(2) Ebd.
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Selbstwertdienliche_Verzerrung

Pascal Theis

Für Pascal ist Agilität Normalität. Seit fast 10 Jahren arbeitet Pascal leidenschaftlich in verschiedenen Rollen und Kontexten ausschließlich agil. Ob als Product Owner in Projekten oder als Führungskraft in der Linienorganisation, ist eine Erkenntnis immer gleich: Es geht um die Menschen, die zusammen arbeiten. Vertrauen und der Blick nach vorne sind dabei zwei wesentliche Garanten des gemeinsamen Erfolgs.

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