Mixed Reality – Abwarten oder investieren?

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Mixed Reality Continuum

EINFÜHRUNG

“Mixed Reality” ist ein von Microsoft geprägter Begriff, der die verschiedenen Technologien zusammenfasst, die digitale (= virtuelle) mit realen Inhalten mischen. Dabei kommt unterschiedliche Hardware zum Einsatz, vom Mobiltelefon bis zur Virtual-Reality-(VR-)Brille. Der Grad der “Immersion” – d. h. der Abschottung von der realen und des Eintauchens in eine virtuelle Welt – ist bei allen Geräten unterschiedlich und muss für den jeweiligen Anwendungsfall geeignet gewählt werden.

Für jedes Einsatzszenario muss zudem entschieden werden, um was für eine Art von Mixed Reality es sich bei der Applikation handelt. Das heißt, im Vorfeld müssen folgende Fragen geklärt sein:

  • Soll dem Anwender nur etwas visualisiert werden oder soll er mit den virtuellen Inhalten interagieren können?
  • Sind die Inhalte statisch und unveränderlich oder können Sie zur Laufzeit verändert und erweitert werden?
  • Müssen bei Veränderungen Softwareentwickler eine neue Version erzeugen oder können Fachexperten mit einem Autorensystem direkt neue Anwendungsfälle kreieren?
  • Nur für AR-Anwendungsfälle: Besteht überhaupt eine Verbindung von virtuellen Inhalten zur Realität oder sollen  3D-Objekte der realen Welt sogar erkannt und die virtuellen Inhalte daran ausgerichtet werden?
  • Möchten die Anwender ihr Mobiltelefon benutzen, um möglichst im Hier und Jetzt zu bleiben oder sollen sie möglichst tief in die virtuelle Welt eintauchen, um z.B. Gefahrensituationen möglichst realistisch simulieren zu können?

Michael Porter von der Harvard Business School schlägt für diesen Zweck ein Netzdiagramm zur dedizierten Planung von Mixed-Reality-Anwendungen vor:

Der Markt in Deutschland

Von der Industrie noch weitgehend unbemerkt, finden deutschlandweit bereits verschiedene AR/VR Messen und Festivals statt. Da wäre z.B. das places-Festival in Gelsenkirchen, die VR Expo in Stuttgart, die digility in Köln oder die eher international orientierte Augmented World Expo Europe in München.

Was man auf allen diesen Veranstaltungen feststellen kann, ist, dass sich der Mixed Reality Markt in Deutschland stark im Umbruch befindet: 3D Frameworks entwickeln sich und verschwinden wieder, mehr und mehr Startups erscheinen auf der Bildfläche und große Game Engines wie Unity und Unreal erschließen sich Kunden in der herstellenden Industrie. Die großen Chancen, die auch Risikoinvestoren der Branche zuschreiben, erkennt man wohl am besten am Hardware-Startup “Magic Leap” aus Florida. Mit einem Risikokapital von 2 Milliarden US-Dollar zählt das Unternehmen zu einem der bestfinanzierten Startups weltweit.

Was man jedoch auf den Messen und Festivals derzeit nur sehr selten findet sind Besucher von Unternehmen, die in AR und/oder VR Lösungen investieren wollen. Woran liegt das?

Aktuelle Herausforderungen

Große Unternehmen wie Ikea, Volkswagen, Siemens, Ford, BMW, Airbus, Boeing, Pacific Gas&Electric, Porsche und vielen anderen haben längst das Potential erkannt und investieren massiv in Mixed-Reality-Anwendungen. Kleine und mittelständische Unternehmen hingegen zögern noch. Einige der Challenges, denen sich diese Unternehmen gegenüber sehen, sind:

 

  • Fehlender Content

3D Modelle für Mixed-Reality-Anwendungen müssen derzeit von sogenannten “3D Artists” – einer Mischung aus technischem Zeichner und Designer – manuell erstellt werden. Bei großen Produktportfolios kann eine vollständige Umsetzung sehr schnell eine Millioneninvestition bedeuten.

 

  • High-Poly vs. Low-Poly

Diejenigen Unternehmen, die bereits über 3D-Modelle verfügen (z. B. weil Sie mit Hilfe von CAD-Programmen die Konstruktion vornehmen), können diese häufig nicht für AR oder VR einsetzen, weil die Modelle nicht für eine Darstellung in Echtzeit geeignet sind: Sie enthalten zu viele Details (sich wiederholende Elemente, verdeckte Inhalte, hohe Anzahl von Polygonen) und müssen aufwändig konvertiert und optimiert werden. Doch selbst dann fehlt diesen Modellen optisch ansprechendes Material, realistische Texturen und Strukturen sowie Licht und Schatten.

 

  • Fehlende Skills

Obwohl Google, Apple und Co. versuchen, es den Entwicklern von AR-Anwendungen möglichst leicht zu machen, haftet diesen Technologien ein Flair von Unprofessionalität an. Allein die Tatsache, dass die meisten Mixed-Reality-Anwendungen derzeit mit Gaming Engines wie Unreal oder Unity umgesetzt werden, hält viele Unternehmen davon ab, entsprechende Skills in ihrem Unternehmen aufzubauen. Das Arbeiten mit gestaltungsorientierten 3D Programmen und Game-Engines wird nicht als notwendige Fähigkeit verstanden.

 

  • Unsicherheit über Return on Invest

Einer Umfrage bei unseren eigenen Kunden zufolge, die sich gegen ein Mixed-Reality-Projekt entschieden haben, ist der am häufigsten genannte Grund: “Wir sehen für eine Investition keine wirtschaftliche Grundlage/keine Refinanzierung.” Auf Platz 2: “Eine Investition in Augmented Reality erscheint uns zum jetzigen Zeitpunkt zu früh.”

Lösungen und Investitionsfelder

Vor allem der letzte Punkt überrascht im Kontext von Milliardeninvestitionen von Venturekapitalgebern und großen Konzernen. Sehen diese Unternehmen etwas, das dem deutschen Mittelstand bisher entgangen ist? Die im September 2018 erschienene Capgemini-Studie “Augmented and Virtual Reality in Operations” kann helfen: hier werden leicht verständlich und mit Zahlen und Referenzfällen hinterlegte Gründe genannt, warum eine Investition Sinn macht:

  • Kosteneinsparung
  • Effizienzsteigerung
  • erhöhte Betriebssicherheit
  • reduzierte Komplexität
  • Fehlerreduktion
  • Zeiteinsparung

Investitionsfelder

Angelehnt an die o.g. Capgemini-Studie haben wir im Oktober 2018 im Rahmen der digility einen Workshop durchgeführt, bei dem deutsche Unternehmen ihre Anwendungsfälle geteilt und nach Benefit und Komplexität bewertet haben. Dabei ist herausgekommen, dass einige Anwendungsfälle aufgrund ihres hohen Benefits und ihrer geringen Komplexität eine Investition von solchen Unternehmen zwingend nahelegen, bei denen die genannten Use-Cases zum Kerngeschäft gehören. Im folgenden Diagramm sind diese Anwendungsfälle im rechten oberen Quadranten zu finden:

Mixed Reality Nutzen Komplexität

Damit hört die Anzahl der Anwendungsfälle keineswegs auf. Wer sich für das Thema interessiert, sollte mal versuchen, einen Google Alert auf die Suchbegriffe “Augmented Reality” und/oder “Virtual Reality” zu legen – täglich gibt es neue Meldungen über Firmengründungen und Anwendungen aus Industrie und Handel.

Wann ist nun der richtige Zeitpunkt einzusteigen? Wer den Gartner Hype Cycle 2018 mit dem von 2017 vergleicht, wird feststellen, dass 2017 Augmented und Virtual Reality weiter rechts als alle anderen Technologien zu finden sind. 2018 ist Augmented Reality noch weiter nach rechts gewandert und Virtual Reality ist verschwunden- was nichts anderes heißt als dass VR inzwischen kein Hype mehr ist, sondern bereits Mainstream. Wer jetzt nicht einsteigt, lässt wertvolles Potential liegen und reiht sich laut Diffusionstheorie der Innovationen in die “Late Majority” ein oder wird sogar zum “Laggard”. Viele eigentümergeführten Unternehmen in Deutschland, bei denen der Generationswechsel noch nicht vollzogen ist, laufen Gefahr, sich diese Chance entgehen zu lassen.

Ein Beispiel: Genau so wie 1995 das Jahr war, in dem mit Amazon und ebay die ersten großen Online-Plattformen an den Start gingen, wird im Bereich E-commerce das Vorhalten von AR-Modellen im eigenen Online-Shop bald zum Hygienefaktor werden. Apple hat mit iOS 12 sein “AR Quick Look” vorgestellt, das zumindest im Safari-Browser bereits AR-Modelle ohne zusätzliche App erlaubt. Fast zeitgleich hat Google seine WebXR Device API für Chrome 67 veröffentlicht. Man kann vielleicht nicht viel gewinnen, wenn man diese Technologie früh einführt, aber man kann viel verlieren, wenn man zu den Letzten gehört, die sie adaptieren.

Lösungen

codecentric ist bekanntermaßen Anbieter für Individualsoftware. Aufgrund des starken Kostendrucks im Mittelstand, der eine individuelle Entwicklung “auf der grünen Wiese” für kleinere und mittlere Unternehmen meist zu kostspielig macht, haben wir in Zusammenarbeit mit unseren ersten AR-Kunden eine Palette von Software Assets, komplementären Services und Partnerschaften aufgebaut, die uns erlaubt, für jeden Anwendungsfall schnell, preisgünstig und kompetent helfen zu können. Wir nennen sie die “3D Model Supply Chain”:

Mixed Reality Ecosystem

Einem Share-economy-Ansatz folgend, profitiert jeder neue Kunde von den Entwicklung der vorhergegangen Projekte und jeder Bestandskunde von den Weiterentwicklungen zukünftiger. Unser 3D-Netzwerk erlaubt es uns, bereits bestehende Produkte anderer Anbieter im Rahmen von Vertriebspartnerschaften zu vermitteln. So können wir nicht nur als Anwendungsentwickler und -integratoren, sondern auch als “Einkaufsberater” unseren Kunden zur für sie passendsten Lösung verhelfen, ohne eigene Ressourcen einsetzen zu müssen. Wenn es jedoch darum geht, AR oder VR in bestehende Infrastrukturen zu integrieren oder benachbarte Technologien wie Blockchain, Artificial Intelligence/Machine Learning oder Big Data mit Mixed Reality zu noch nie dagewesen Anwendungsfällen zu kombinieren, können wir als wohl derzeit einziger Anbieter am Markt ein crossfunktionales Team aus allen notwendigen Rollen zusammenstellen.

Zusammenfassung

Im Bereich Augmented Reality und Virtual Reality herrscht gerade Aufbruchs-, wenn nicht sogar Goldgräberstimmung. Große Firmen wie Apple und Google arbeiten an massentauglichen Technologien, die Hardware entwickelt sich rasant weiter und die Anwendungsfälle sind reichhaltig und vielversprechend. Obwohl Mixed Reality (AR und VR) lediglich darstellende Technologien sind, können sie unser Leben so nachhaltig beeinflussen wie seinerzeit Internet und Smartphone. Die Zeiten, in denen Augmented und Virtual Reality nur in der Spielebranche zuhause waren, sind längst vorbei. Virtual Reality ist Mainstream, Augmented Reality steht kurz davor.

Wer jetzt nicht investiert, läuft Gefahr den Anschluss zu verlieren und wertvolle Marktanteile liegen zu lassen.

 

Quellen:

Harvard Business School professor Michael Porter and PTC CEO James Heppelmann for MIT; https://www.ptc.com/en/resources/ar/webcast/business-leaders-strategy-replay/thank-you

http://places-festival.de

https://www.vr-expo.de/

https://www.digility.de/

https://eu.augmentedworldexpo.com/

https://de.wikipedia.org/wiki/Magic_Leap

https://www.capgemini.com/wp-content/uploads/2018/09/AR-VR-in-Operations1.pdf

https://www.google.com/alerts

https://www.gartner.com/smarterwithgartner/5-trends-emerge-in-gartner-hype-cycle-for-emerging-technologies-2018/

https://en.wikipedia.org/wiki/Diffusion_of_innovations

https://developer.apple.com/arkit/gallery/

https://developers.google.com/web/updates/2018/06/ar-for-the-web

https://blog.codecentric.de/2018/07/3d-model-supply-chain/

Christian ist seit mehr als 16 Jahren Produktmanager für Softwareanwendungen aus verschiedenen Branchen und Agilist aus Leidenschaft. Er ist Experte für große Unternehmensstrukturen und komplexe Projekte und Verfechter von Wertschöpfungsgedanken und Customer-First-Attitude. Christian führt unsere Kunden durch das gesamte codecentric-Portfolio, von der Ideengenerierung bis zum Betrieb der fertigen Lösung als partnerschaftlicher Begleiter. Seit 2017 betreut er federführend das Augmented Reality Innovationsprojekt „modulAR“.

Artikel von Christian Prison

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