It Takes All The Winners – Dezentrale Plattformökonomie im Web (Teil 2)

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Teil 2 – Permissionless Innovation: Web-basierte Ökosysteme

Digitale Plattformen sind ein erfolgreiches Geschäftsmodell in vielen Bereichen geworden. Sie bringen Marktakteure an einem zentralen Ort zusammen und schaffen einen lukrativen Handelsplatz. Eine Plattform in neuen Bereichen zu etablieren, ist daher das Ziel vieler Digitalisierungsprojekte. Das „Winner takes all“-Prinzip der Plattformwelt ist jedoch sehr risikobehaftet. Diese Artikelreihe zeigt eine alternative Option auf.

Im ersten Teil haben wir zentrale Plattformen näher beleuchtet und auch deren Risiken und Nachteile aufgezeigt. Der Plattform-Ansatz wird oft gewählt, weil er alternativlos erscheint, nicht weil er zwangsläufig die beste Wahl wäre. Ein digitaler Marktplatz mit interoperablen Daten und Geschäftsprozessen kann jedoch auch ohne zentrale Plattformen erreicht werden.

Das World Wide Web setzt seit Anbeginn auf die globale Verteilung und Verlinkung von Informationen und funktioniert ohne zentralen Gatekeeper.

Jeder kann zum Beispiel einen Webshop eröffnen und diesen unter einer eigenen Domain online verfügbar machen. Ein kleiner, eigenständiger Webshop ist aber im Vergleich zu Händler*innen, die auf einer Plattform wie Amazon auftreten schwieriger auffindbar und stellt Kund*innen vor zusätzliche Hürden, wie zum Beispiel die Eingabe von Address- und Zahlungsdaten.

Es ist aber möglich die Vorteile von zentralen Plattformen in einem offenen Web-Ökosystem umzusetzen. Dabei geht es keineswegs um die altruistische Öffnung gegenüber anderen Marktteilnehmern, sondern um die Minimierung der Plattform-Risiken und das Erschließen neuer Geschäftsmodelle für das eigene Unternehmen.

Die Daten verbleiben im Ökosystem-Ansatz bei ihren Besitzern, werden jedoch im Web für ausgewählte Anwendungen verfügbar gemacht. Die Anwendungen können Daten aus verschiedenen Quellen aggregieren und eine einheitliche Benutzungserfahrung gegenüber den Endkund*innen gewährleisten. Man denke dabei zum Beispiel an Google Shopping, welches nützliche Such- und Filterfunktionen über zahlreiche verschiedene Webshops hinweg bereitstellt.

Web-Ökosystem als offene Plattform

Web: Verteilte Datenhoheit und unabhängige Innovation

Rollen im Web-Ökosystem

In einem solchen Ökosystem ergeben sich neue Rollen:

  1. Data Owner
  2. Hostinganbieter
  3. Service Provider
  4. Kund*innen

Die Data Owner besitzen interessante Daten, die aufgefunden und genutzt werden sollen. Diese entsprechen den Partnern aus dem Plattform-Ansatz.

Sie können ihre Daten selbst im Web bereitstellen oder auf einen darauf spezialisierten IT-Dienstleister zurückgreifen (Hostinganbieter). Essenziell ist, dass das Data Hosting ähnlich funktioniert wie klassisches Webhosting. Data Owner können mit ihren Daten jederzeit zu einem anderen Host wechseln.

Service Provider sind Unternehmen, welche Dienstleistungen auf Basis der Daten anbieten und Geschäftsprozesse abwickeln. Sie stellen nützliche Anwendungen bereit, ohne dabei ein Monopol auf die Daten- und Userbasis zu besitzen.

Die Kund*innen sind die gleichen wie beim Plattform-Ansatz. Im Web können sie jedoch die Anwendungen, mit denen sie auf die Daten zugreifen frei wählen und sind nicht auf die Angebote einer Plattform beschränkt. Ihren User-Account können sie bei einem Anbieter hosten lassen und im gesamten Ökosystem als Single-Sign-on benutzen.

Rollen im Web-Ökosystem

Data Owner stellen selbst oder über einen Hoster Daten bereit. Service Provider bieten nützliche Anwendungen.

HostinganbieterService ProviderData OwnerKund*innen
Web-Hoster, IT-AnbieterBuchungsprozess as a ServiceHotelsReisende
Web-Hoster, IT-AnbieterProduktsuche, Bewertungsportale, KaufprozessHändler*innenKäufer*innen
Web-Hoster, IT-AnbieterZielgruppenanalysePersonen, OrganisationenWerbetreibende

Beispiele von Rollen im Web-Ökosystem

Einen Plattform-Betreiber gibt es naturgemäß nicht. Unternehmen die das Geschäftsmodell Plattform erwägen, könnten sich stattdessen in der Rolle eines Hostinganbieters oder Service Providers wiederfinden. Welche Rolle die passendere ist, hängt davon ab, welche Probleme der Plattformwelt vermieden bzw. beseitigt werden sollen. Auch Kombinationen sind möglich.

Trennung von Daten und Anwendungen

Der wesentliche Unterschied zum Plattform-Modell ist die Trennung zwischen Daten- und Service-Providern und die dadurch entstehende Nicht-Exklusivität dieser Dienstleister. Sowohl auf Daten-, als auch Anwendungsseite entstehen neue Märkte und ein Wettbewerb auf Basis besserer Funktionen und Service-Garantien.

Wettbewerb im Web-Ökosystem

Die Trennung von Daten und Diensten ermöglicht einen Wettbewerb auf Basis besserer Funktionen und höherer Service-Qualität.

Interoperabilität durch gemeinsame Semantik

Die Herausforderung ist es, trotz dieser Zersplitterung eine plattformähnliche Integration von Daten und Prozessen zu erreichen. Die Interoperabilität, welche die Plattform durch ihre zentrale Rolle erzwingen kann, muss im Web anders erreicht werden.

Dazu stellen alle interessierten Parteien ihre Daten und Angebote in strukturierten Formaten auf Basis einer einheitlichen Semantik ins Web. Dies kann in eigenen Rechenzentren, bei Cloud Providern oder Data-Hosting-Anbietern geschehen.

Das Web ist in der Lage, Informationen global eindeutig über Uniform Resource Locators (URL) zu identifizieren und zu lokalisieren. Dadurch ist eine weltweite Verlinkung von Daten möglich. Das offene Web kann als einheitliche Plattform für die Vernetzung von Marktteilnehmern dienen. Die Interoperabilität, welche bei Plattformen durch Zentralisierung erreicht wird, kann im Web durch eine gemeinsame Semantik umgesetzt werden.

Dies ermöglicht es den Data Ownern, ihre Daten flexibel zu verknüpfen und mit einer fachlichen Bedeutung zu versehen. Service Provider sind in der Lage nützliche Anwendungen auf Basis dieser Daten zu entwickeln und zu vermarkten.

Im Web werden Daten um explizite, einheitliche Konzepte angereichert, um ein gemeinsames Verständnis zu schaffen. Data Owner können ihre Daten denen von Partnerunternehmen und Kund*innen zu einem Knowledge Graph verlinken. Durch die strukturierte Beschreibung von Systemzuständen und -fähigkeiten wird eine plattformunabhängige Zusammenarbeit auf Augenhöhe möglich. Da Interoperabilität auf einem semantischen Level hergestellt wird, verliert die Strukturierung und Organisation von Daten auf der Syntaxebene an Bedeutung. Hierzu können flexible W3C Metaformate wie das Resource Description Framework (RDF) und weitere offene Webstandards und -technologien verwendet werden.

Die einheitliche Handhabung und Verlinkung von Konzepten im Web erlaubt eine breit angelegte Digitalisierung und Automatisierung aller Bereiche, einschließlich physischer Dinge und Vorgänge. Diese stehen zusammen mit klassischen Dokumenten als einheitliche Konzepte im Web.

Jeder Data Owner kann dabei die volle Kontrolle über die eigenen Daten behalten, oder sich einem Data Host anvertrauen und diesen bei Bedarf auch wechseln. Die Data Owner legen über feingranulare Zugriffsrechte (Web Access Control) fest, welche Kund*innen und Services die Daten auf welche Weise verwenden dürfen.

Innovationsfreiheit

Offene, erweiterbare Standards geben sowohl den Hostinganbietern als auch den Service-Providern eine stabile Basis für innovative Geschäftsmodelle und neue Formen von Anwendungen.

Sich einem Standard anschließen und gleichzeitig innovativ sein erscheint zunächst widersprüchlich. Ein Ansatz auf Grundlage bewährter W3C Web Standards erlaubt es jedoch, an einem globalen Informationsnetzwerk teilzuhaben und gleichzeitig eigene Innovationen voranzutreiben. In etablierten Bereichen wird dazu auf bewährte Modelle zurückgegriffen. Neue Geschäftsmodelle können „on top“ darauf eingeführt werden. Dadurch wird Innovation sogar beschleunigt, da sich Projekte auf die wirklich neuen Aspekte einer Idee konzentrieren können.

Der Webansatz und die damit verbundene semantische Wissensrepräsentation können zudem eine hervorragende Ergänzung zu maschinellem Lernen darstellen und Erkenntnisse jenseits von reinen Wahrscheinlichkeitsverteilungen ermöglichen.

Eigenschaften: Web-Ökosystem im Vergleich

Die folgende Tabelle fasst die wesentlichen Eigenschaften eines Web-basierten Ökosystems zusammen. Die Eigenschaften der Plattform aus Teil 1 sind dem gegenübergestellt:

EigenschaftWeb-ÖkosystemZentrale Plattform
Interoperabilitätdurch gemeinsame Semantikdurch zentrale Vorgaben
DatenhoheitData Owner behält Datenhoheitliegt beim Plattformbetreiber
DatensicherheitVerantwortung bei Hostinganbietern. Kein zentraler Angriffspunkt.Volle Verantwortung beim Betreiber. Single Point of Failure.
InnovationUnabhängig, durch alle AkteureBetreiber gibt den Rahmen vor und ist Bottleneck
Offenheitkein zentraler GatekeeperBetreiber bestimmt, wer teilnehmen kann
GeschäftsrisikoBesetzung von Marktnischen möglichWinner takes all, kein „Platz 2“
GeschäftsmodelleDaten, innovative Anwendungen oder InfrastrukturFokussiert auf Daten & Infrastruktur

Fazit & Ausblick

Zentrale Plattformen drängen ihre Betreiber in ein datenzentriertes Geschäftsmodell und bergen ein hohes Risiko des Scheiterns. Ein Web-basiertes Ökosystem öffnet dementgegen ein weites Feld aus Geschäftsmodellen und zu besetzenden Nischen. Im dritten und letzten Teil betrachten wir, wann sich eine Plattform lohnt und in welchen Fällen ein Web-Ökosystem die bessere Alternative für Ihr Digitalisierungsprojekt ist.

Weiter zu Teil 3 – Die Gretchenfrage: Plattform oder Ökosystem?

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Angelo Veltens arbeitet als Web-Developer bei codecentric Hamburg. Er begeistert sich sowohl für die Frontend-Entwicklung mit JavaScript, als auch die Backend-seitige Entwicklung mit Frameworks wie Grails oder Spring Boot.
Testautomatisierung auf allen Ebenen von Unit- bis Akzeptanztests, sowie der Aufbau von Continuous-Delivery-Pipelines zählen dabei ebenfalls zu seinen Stärken.

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