Citizen Developer – Low-Code trifft High Impact

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Durch die Digitalisierung löst sich die Grenze zwischen Fachlichkeit und Umsetzung mittels Software auf. Fachbereichsentwickler:innen oder Citizen Developer sitzen an einer erfolgskritischen Schlüsselposition. Eine gelungene Zusammenarbeit klappt aber nur, wenn IT und Fachseite gemeinsame Sache machen. Zwei Beispiele zeigen, wie das aussehen kann.

Es gab eine Zeit, da waren Business und IT zwei streng voneinander getrennte Abteilungen. Bisweilen sogar in verschiedenen Gebäuden untergebracht lagen nicht nur gedanklich oft Welten zwischen denjenigen, die das Geschäft verstanden und jenen, die Werkzeuge für dessen Umsetzung bereit stellten. Mit zunehmender Digitalisierung ist die Erkenntnis gereift, dass „die IT” nicht nur die Rechner der Angestellten mit Excel & Co versorgt, Updates für das ERP einspielt und VPN-Zugänge einrichtet, sondern einen signifikanten Anteil zum Unternehmenserfolg beisteuert. Branchenriesen wie Tesla, Google oder Delivery Hero zeigen eindrucksvoll, wie Software zum Kernbestandteil der eigenen Wertschöpfung geworden ist.

Aber auch „das Business” mit seinen Fachabteilungen ist nicht länger von der Umsetzungskompetenz und Prioritäten der IT abhängig. Seit Jahrzehnten kennt man nahezu in jedem Unternehmen den Typ Kolleg:innen, die kreativ mit Excel und ein paar Makros ganze Geschäftsabläufe digital abgebildet haben. Solche Fachbereichsentwickler:innen werden inzwischen unter dem Begriff Citizen Developer geführt. Dabei ist Citizen Developer nicht in erster Linie eine Bezeichnung für Partisanen-Developer, sondern als Konzept eine große Chance für Unternehmen, Kräfte in der Digitalisierung zu bündeln.

Das Richtige richtig machen

Zwei Aspekte bestimmen den Erfolg eines Unternehmens:

  • Das Richtige machen – vereinfacht gesagt das Was.
  • Das Richtige richtig machen – vereinfacht gesagt das Wie.

Das Was, also die richtigen und wertvollen Dinge zu identifizieren, die die eine nachhaltige Wirkung – oder auch Impact – auf den eigenen Geschäftserfolg haben, benötigt ein klares Verständnis der jeweiligen Domäne. Mitarbeiter:innen im Fachbereich wissen in der Regel sehr gut, welche Tätigkeiten wertvoll sind und was ihre Kollegschaft und Kund:innen benötigen. Dort entstehen dank umtriebiger Excel-Gurus oft geschäftskritische und mit den Abläufen im Geschäftsalltag verknüpfte Dateien, die über Wohl und Wehe ganzer Abteilungen entscheiden. Da die Entwicklung der Excel-Magie meist nur ein Mittel zum Zweck ist, entstehen zwar wertvolle, aber hochgradig riskante Lösungen. Sie werden bereits nach wenigen Wochen unwartbar, sind ohne die richtige Person für das Unternehmen nicht mehr nutzbar oder legen unternehmenskritische Informationen auf ungesicherten Laufwerken ab. Diese Schatten-IT bereitet Geschäftsführer:innen aus guten Gründen schlaflose Nächte. Sofern diese neuralgischen Punkte überhaupt bekannt sind.

In der IT gibt es klare Vorgaben, wie Lösungen konzipiert, entwickelt und in Betrieb genommen werden. Ein ausgeprägtes Wissen um Vorgehensmodelle und Projektmanagement-Tools hat sie neben Sachverständigen für Technologien auch zu Expert:innen für die richtige Umsetzung, das Wie, gemacht. In Zeiten der allgemeinen Digitalisierung ist die Todo-Liste der IT prall gefüllt und Projekte konkurrieren um Umsetzungskapazität. Sätze wie „Wichtige Initiative, aber wir haben frühestens in 18 Monaten Kapazität zur Umsetzung!” frustrieren Fachseite und IT gleichermaßen. Darüber hinaus ändern sich relevante Anforderungen oftmals zwischen erster Beschreibung des Anforderungskatalogs und Go-Live, vor allem, wenn dazwischen über ein Jahr liegt. 

Lösungen entwickeln ohne Code

Das Konzept Citizen Developer sieht vor, dass Fachabteilungsentwickler:innen nicht parallel neben der IT Lösungen in obskuren Technologien umsetzen, sondern in No-Code bzw. Low-Code Umgebungen notwendige Business-Logik abbilden. Um Rahmenbedingungen wie technische Plattform und Compliance (nicht nur aber auch DSGVO und AVV – Auftragsverarbeitungsverträge) kümmert sich die IT, eine inhaltliche Ausgestaltung – und deren Anpassung – erfolgt durch die Fachabteilung.

Der Bereich Business Intelligence ist ein Paradebeispiel für die Möglichkeiten solcher Kooperationen. Während die IT dafür sorgt, dass alle relevanten Unternehmensdaten in einem Data Lake zusammengeführt werden und mit einem Berechtigungskonzept anhand von Rollen Datenzugriffen regelt, erlauben Tools wie Tableau oder PowerBI versierten Anwendern, diese Daten zu aggregieren, Reports zu erstellen und ohne IT-Projekt oder Change Request neue Anforderungen umzusetzen.

Besonders in sehr großen oder sehr kleinen Unternehmen können Citizen Developer mächtige Katalysatoren sein. Ist die IT-Abteilung schon an der Kapazitätsgrenze, behelfen sie sich mit Eigenentwicklungen und sparen die meist aufwändige Abstimmung mit Entwicklungsteams, denen erst mühsam Anforderungen erklärt werden müssen. Und in einer Zeit, in der angepasste Software in immer mehr Bereichen zum Wettbewerbsvorteil wird, der Arbeitsmarkt jedoch qualifizierte Entwickler:innen nur in homöopathischen Dosen bereitstellt, ist es essentiell, die bereits vorhandenen Fähigkeiten und Mitarbeiter:innen bestmöglich einzubinden.

Gemeinsame Sache statt Schatten-IT

Findige Kolleg:innen werden immer einen Weg finden, vorhandene Tools für die Herausforderungen des Arbeitsalltags kreativ einzusetzen. Es gilt jedoch, die Risiken einer Schatten-IT zu vermeiden und möglichst früh gemeinsame Sache zu machen. Eine solche Kooperation passiert nicht automatisch, beide Seiten müssen sich abstimmen, wie eine Zusammenarbeit im Detail aussehen kann und wer welche Voraussetzungen schaffen muss, damit beide Seiten profitieren können.

Schauen wir zwei Beispiele an, wie Software-Entwicklung und Citizen Developer für den Unternehmenserfolg kombiniert werden können.

Proof of Concept durch Citizen Developer

Citizen Developer sind nicht in erster Linie Entwickler:innen. Ihr Job ist es, fachliche Herausforderungen zu lösen. Dabei sind sie oft Pioniere und adressieren Probleme, die zum ersten Mal auftreten. Ihr Interesse gilt nicht Themen wie Robustheit, Fehlertoleranz oder Wartbarkeit, ihre oberste Handlungsmaxime ist: „Das Richtige fürs Business machen!” Dazu ist es essentiell, herauszufinden, was das Was überhaupt ist. 

Einer der schwierigsten Aspekte in Softwareprojekten ist das Anforderungsmanagement. Welche Anforderungen sollen überhaupt umgesetzt werden, welche haben einen Einfluß auf das eigene Geschäft und welche sind eher Ideen im eigenen Kopf, die aber von Nutzern und Kunden als vernachlässigbar eingestuft werden? Stellt man der Fachabteilung ein ganzes Entwicklungsteam an die Seite, so besteht die Gefahr, mit einem großen Team zu früh in die Umsetzung zu starten. Dank Sunk-Costs-Fallacy werden alle Anforderungen, die schon umgesetzt sind auch beibehalten und so entstehen oft Lösungen, die nicht mehr scharf auf das eigentliche Problem ausgerichtet sind.

Eine mögliche Lösung stellen Minimal Viable Products, kurz MVPs, dar, die gerne in agilen Kontexten eingesetzt werden. Setzt man nun nicht ein ganzes Team sondern bewusst knappe Ressourcen ein, so entsteht zwangsweise ein radikaler Fokus auf das eigentliche Problem. Versucht man nun, mit einer Kombination ausschließlich mit bestehenden Software-Tools wie Webseitenbaukästen, Zapier oder der Google-Suite in die Umsetzung zu gehen, so lassen sich in kurzer Zeit Prototypen erschaffen, die zur Validierung von Markthypothesen in kurzen Zyklen mehr als geeignet sind. Nicht allein die technische Machbarkeit oder Feasibility steht somit im Vordergrund, sondern vor allem die Erwünschtheit und Wirtschaftlichkeit (Desirability und Viability). Erweist sich die Lösung als wahrhaft nützlich für das Business, lassen sich die Erkenntnisse aus dem Prototypen als Grundlage für die tatsächliche Umsetzung überführen.

Citizen Developer als Wegbereitende benötigen Bausteine, aus denen sie Lösungen entwickeln können, die sich auf ihren Wert hin verproben lassen. Haben diese einen Impact auf das eigene Geschäft, findet sich nicht nur ein Entwicklungsbudget, sondern auch eine höhere Priorisierung bei der Unternehmensplanung.

Citizen Developer als Zielgruppe

Nicht alle Herausforderungen im Geschäftsalltag treten zum ersten Mal auf. Oft handelt es sich um Probleme, die in leichter Abwandlung bereits gelöst wurden, so wie die Anbindung weiterer Kundenshops via API oder die Einführung eines weiteren Produkts im Portfolio. Speziell wenn es technisch wird, wie bei der Anbindung einer API, bedarf es Unterstützung durch die IT. Gerade hier liegt jedoch jede Menge Potential durch die Unterstützung von Citizen Developers.

Wenn ein produzierendes Unternehmen die Beschreibung der eigenen Produkte via API an ihre Vertriebspartner übergeben muss, ist dies ein regelmäßiger Geschäftsvorgang. Sobald der technische Grundstock gelegt ist – Partnershops bzw. deren Systeme lassen sich generell via API anbinden – so ist für jeden weiteren Partner eigentlich nur noch die Konfiguration anzupassen. Die Produktbezeichnung muss unter einem bestimmten Keyword übergeben werden, in ein anderes Feld muss ein Zahlenwert als Preis hinterlegt werden. Statt jedes Mal ein IT-Projekt für die Anbindung eines neuen Partners durchzuführen, wäre ein Low-Code-Werkzeug für die Fachabteilung, in welchem man relevante Mappings vornehmen kann, ein enormer Beschleuniger.

Statt Software direkt für Endandwender:innen zu entwicklen liegt eine große Chance darin, gezielt Citizen Developer mit individuellen Lösungen zu versorgen, damit diese Zielgruppe schnell und fokussiert auf ähnliche und doch neue Geschäftsentwicklungen reagieren kann.

Fazit

Der von Marc Andreessen 2011 geprägte Satz “Software eats the world” hat nichts von seiner Aktualität verloren. Das bedeutet jedoch nicht, dass die IT relevanter denn je für Unternehmen werden muss, sondern der erfolgreiche Einsatz von Software. In den Händen von Menschen mit dem richtigen Verständnis um Markt und Kunden können Low-Code-Lösungen nachhaltig helfen, Unternehmen zu digitalisieren. Die Zukunft gehört der engen Verzahnung von Business und IT. Citizen Developer nehmen hier zukünftig eine immer wichtigere Schlüsselposition ein, sowohl im Rahmen der Entwicklung als auch als Nutzende.

Stephan ist seit 2022 Teil unseres Dortmunder Teams. Als ehemaliger VP Products im Bereich IoT liegt sein Schwerpunkt „links vom Backlog“ – in der digitalen Produktentwicklung. Am Ende zählt für ihn das Ergebnis mehr als der Weg dorthin, wobei agile Methoden häufig die erfolgreicheren sind.

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