Ein Wegweiser mit zwei Richtungen - beide zeigen "Choice" an.

Entscheidungen leichter gemacht mit HOT-Tests – eine Meinung

1 Kommentar

Intern haben wir eine Meeting-Reihe, bei der wir uns mit agilen Themen und Methoden beschäftigen. Eines dieser Themen ist das Fällen von Entscheidungen. Dazu haben wir uns mit Annie Dukes Buch „How To Decide“ beschäftigt und einen Vortrag von Marcus Hanhart erlebt. Das zentrale Thema des Buches ist: Wann entscheide ich mich sofort und wann lasse ich mir Zeit für die Entscheidung? Wie schaffe ich Raum für wichtige Entscheidungen, indem ich leichte Entscheidungen nachvollziehbar und zufriedenstellend abhake? Die zwei Extremfälle, mit Entscheidungen umzugehen, sind, diese aufzuschieben oder direkt aus dem Bauch heraus durchzuführen. Für die Zusammenarbeit mit Menschen sind beide Extreme schlecht, da das eine für Menschen nicht nachvollziehbar und das andere paralysierend ist. Ich frage mich hier, wie viele Meetings sich darum drehen, dass eine Entscheidung getroffen werden muss, die niemand fällen will.

HOT-Tests

Annie Duke beschreibt ihre Methode anhand eines Akronyms und eines Lösungsvorschlages, wenn diese Methode nicht zu einer Entscheidung führt. Das Akronym lautet HOT und steht für:

– Happiness Test
– Only Option Test
– Two-Way-Door Test

Es sind drei Tests, die ich in dieser Reihenfolge durchgehe und jeweils mit „Ja“ oder „Nein“ beantworte. Wenn ich bei allen drei „Nein“ sage, dann sollte ich mir für die Entscheidung Zeit lassen. Kann ich im Laufe der Fragen eine davon mit „Ja“ beantworten, so habe ich eine Entscheidung getroffen und bin fertig.

Das Buch ist erstmal für mich selbst gedacht, eine Übertragung auf Teams ist schwierig, da es viel um meine persönliche Wahrnehmung dessen geht, was Glück ist. Für mich bleibt die Frage, wie das für Teams skaliert. Im Team muss man erarbeiten, womit sich das Team glücklich fühlt – das kann alles Mögliche sein, weniger Technical Debt, mehr Kundenzufriedenheit, kürzere Feedbackzyklen, eine Kombination aus allem.

Happiness Test

Ich beginne mit dem Happiness Test. Er stellt die Frage, ob ich mit der Entscheidung in einer Woche zufrieden/glücklich bin oder es mir egal ist – falls ja, dann entscheide ich jetzt.

Only Option Test

Der Only Option Test hilft, sich zwischen mehreren gleichwertigen Optionen zu entscheiden – der Fokus liegt hier auf „gleichwertig“. Wenn ich keine andere Alternative außer einer einzigen der möglichen Optionen und wäre ich mit dieser Entscheidung zufrieden, dann entscheide ich mich sofort dafür. Worür, ist egal. Es ist quasi ein Münzwurf, bei dem beide Ergebnisse für mich gleich zufriedenstellend sind.

Zumindest diese beiden Tests orientieren sich an meiner Glücklichkeit mit dem Ergebnis. Wie sich diese Glücklichkeit äußert, ist nicht Teil des Buches, das sollte mir also selbst klar sein. Glücklichkeit ist hier meine eigene Zielmetrik zu verstehen. Priorisiere ich oder mein Team andere Ziele, so lassen sich die Tests auf diese ausrichten.

Two-Way-Door Test

Der letzte Test ist der Two-Way-Door Test. Er fragt, ob die Entscheidung rückgängig gemacht werden kann. Falls ja, dann entscheide ich schnell. Falls nein, dann geht es zum nächsten Test. Hier sind meiner Meinung nach wichtige Stichwörter: eine gute Fehlerkultur sowie das Bewusstsein, dass es Sunk Cost Fallacy und Peer Pressure gibt. Selbst wenn eine Entscheidung rückgängig gemacht werden kann, so bleibt immer noch die Frage, wie meine Umgebung oder mein Team damit umgeht. Falls sich die Entscheidung rückgängig machen lässt, erlaubt das schnelles Experimentieren, was zu mehr Erfahrungen und damit zu besseren Entscheidungen führt. Streng nach dem Motto: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Sich der Zukunft mit Zahlen nähern

Im schlimmsten Fall bin ich dreimal bei „Nein“ gelandet und werde mir daher Zeit für die Entscheidung nehmen müssen. Die bisherigen drei Fragen drehten sich darum, was die Entscheidung in Zukunft mit mir machen wird. Werde ich kurzfristig damit zufrieden sein, sind die verschiedenen Wege scheinbar gleichwertig und kann ich eine Fehlentscheidung rückgängig machen. Die Voraussetzung für mich ist hier, eine Vorstellung, ja ein Gefühl für die Zukunft zu haben. Wenn mir das fehlt, dann muss ich mir zwangsweise Zeit für die Entscheidung nehmen – ich informiere mich und schaffe mir damit eine Vorstellung der Zukunft, anhand derer ich entscheide. Als Vorschlag bietet Annie Duke mich, mich der Zukunft mit Zahlen zu nähern. Toll. Zumindest ist das eine Variante, mit dem dreimaligen „Nein“ umzugehen.

Die Idee ist, ein Näherungsverfahren zu nutzen, um fundierte, aber nicht nötigenfalls perfekte Entscheidungen zu treffen. Dazu versuche ich, das Ergebnis der Entscheidung quantitativ zu erfassen. Zunächst bestimme ich den Zielwert mit meinem bisherigen Wissen – also wo will ich mit meiner Entscheidung hin? Diesen Wert stelle ich mir als Mittelpunkt einer Dartscheibe vor. Das obere und untere Ende der Dartscheibe bilden dann die Grenzen des Zielwertes, die mir noch Zufriedenheit bringen. Diese Grenzen sind meine Minimal- und Maximalwerte. Als nächstes folgt ein Schocktest, wie realistisch denn diese Grenzen sind. Kann meine Entscheidung überhaupt dazu führen, dass ich innerhalb dieser Grenzen bleibe? Bin ich schockiert vom Ergebnis der Entscheidung, das ich anhand meiner Recherche bestimme? Falls ja, passe ich die drei Werte – Minimum, Maximum und Zielwert – solange an, bis ich nicht mehr schockiert bin. Die Werte sollten aber natürlich in meinem Sinne sein und nicht beliebig angepasst werden. Anhand der Spanne zwischen Minimum und Maximum kann ich die Unsicherheit meiner Schätzung grob ablesen. Die drei Werte passe ich anhand von Recherche und Schocktest an und iteriere zwischen Recherche und Schocktest. Zur Recherche gehören auch Kundinnen- und Expertinneninterviews.

Dieser Prozess braucht Zeit. Ich sammle wertvolle Informationen, die meine Entscheidungen unterfüttern. Meine Entscheidung ist hier mein Commitment auf die drei Werte Minimum, Maximum und natürlich der Zielwert. Alle drei Werte ändern sich mit neuen Informationen und äußeren Veränderungen. Diese Schritte durchlaufe ich, bis ich bereit bin, eine Entscheidung zu treffen. J. Bezos schlägt vor, eine Entscheidung zu treffen, sobald ich 70 % der Infos habe – wobei 70 % hier wahrscheinlich sein Bauchgefühl nett beschreiben. Das Näherungsverfahren greift damit Elemente des Risiko-Managements auf. Es hilft mir durch Analyse und Recherche, einen Mittelweg zu finden zwischen einer Bauchentscheidung und der Unfähigkeit, eine Entscheidung zu treffen.

Fazit

Insgesamt rotiert das Buch um die Problematik, ungeliebte Entscheidungen mit einem Rahmen zu versehen, der mich darauf fokussieren lässt, was wirklich kritische Entscheidungen sind. Die HOT.-Tests helfen mir, aufzuräumen mit Entscheidungen, die einfach gemacht werden können – einfach im Sinne von schnell und ohne, dass ich weitere Menschen befragen muss. Alles, was ich mache, dreht sich darum, ob ich mit den Entscheidungen glücklich bin und mit den Konsequenzen umgehen kann.

Robert Meißner arbeitet als IoT-Berater im Bereich Mikrolandwirtschaft bei der codecentric AG in Münster. Nach seiner Promotion in Biophotonik entschloss er sich, auch in der Industrie an der Schnittstelle zwischen Landwirtschaft und Automatisierung zu arbeiten.
In seiner Freizeit ist er passionierter Tänzer und Kletterer und engagiert sich bei den Scientists for Future.

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Kommentare

  • Sascha Masanneck

    21. Juli 2022 von Sascha Masanneck

    Hallo Robert, klasse Artikel. Insbesondere den Two-Way-Door Test nehme ich mir mal zu Herzen. Ich entscheide gerne schnell und zielorientiert, habe kein Problem mit Fehlentscheidungen. Aber manchmal ist das „rückgängig machen“ doch schwerer als gedacht.

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