Architektur ist ein Kompass, kein Blueprint

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Es sind die Weihnachtsfeiertage und wie viele andere Leute nutze ich die Zeit, um ein wenig abzuschalten – keine großen Verwandschaftsbesuche, keine große Urlaubsreise, nur ein wenig zu Hause abhängen und dabei darauf achten, nur nicht zu viel zu tun. Aber wie viele andere Leute beginne ich nach den ersten Tagen, seltsame Dinge zu machen, konkret hier und da Dinge aufzuräumen, die die ganze Zeit liegengeblieben sind. So habe ich heute morgen Zeit damit verbracht, mein Büro zu Hause ein wenig auszumisten.

Dabei bin ich über einige Notizen gestolpert, die ich mir 2008 bei der Enterprise Architecture Conference in London gemacht habe. Auch wenn es eine großartige Konferenz gewesen war, habe ich entschieden, dass ich die meisten der Notizen nicht mehr benötige und sie in den Müll geworfen. Aber ein Satz auf einer der Seiten ließ mich für eine Zeitlang innehalten. Ich glaube, es war ein Satz aus einer Keynote, die David Robertson, ein Professor aus der Schweiz gehalten hat. Der Satz erschien mir damals offenbar so wichtig, dass ich ihn mir notiert habe (Ich bin kein großer Notizen-Schreiber, deshalb muss mir der Satz wichtig erschienen sein).

Der Satz lautete: „Architektur ist ein Kompass, kein Blueprint“. In Klammern hatte ich noch „Überdenken!“ dazugeschrieben, als ein Hinweis für mich, noch einmal über diesen Satz nachzudenken. Nun hat es letztlich mehr als 3 Jahre gedauert, bevor ich dazu gekommen bin, über den Satz noch einmal nachzudenken und aus heutiger Sicht bin ich der Meinung, dass der Satz wirklich wichtig ist – einer dieser zeitlos wahren Sätzen.

Aus meiner heutigen Wahrnehmung beschreibt der Satz perfekt, was Architektur sein sollte und was nicht. Architektur sollte eine Orientierungshilfe in Richtung der richtigen Lösung sein, in einer fürchterlich komplexen Umgebung, in der bereits „richtig“ eine extrem komplexe Sache ist, die alles andere als offensichtlich und nur schwer zu bestimmen ist. Daher sollten wir die Umgebung von Zeit zu Zeit von verschiedenen weiter entfernten (d.h. abstrakteren) Standpunkten betrachten, einzig und allein mit dem Ziel, danach zurückzukommen und zu sagen „Basierend auf dem, was ich da drüben gesehen habe, denke ich, dass es eine gute Idee ist, diesem Pfad da eine Weile zu folgen“.

Danach machen wir dann die nächsten Schritte und dann schauen wir wieder, um über die nächsten Schritte zu entscheiden und so weiter: Architektur als ein Kompass. Wir können in der Regel zu Beginn keine vollständige Karte (d.h. einen Blueprint) von unserer Umgebung erstellen. Die Umgebung ist dafür viel zu komplex. Und üblicherweise benötigt man diese große, umfassende Karte auch überhaupt nicht. Üblicherweise reicht es, sich ein paaer Aufzeichnungen über die grundlegenden Wahrnehmungen von den verschiedenen, weiter entfernten Standpunkten zu machen (Überblicksbilder und High-level Konzepte) plus Begründungen für die wichtigsten Entscheidungen – für den Fall, dass man einmal zu der Stelle zurückkommt und nachvollziehen möchte, warum man sich damals so entschieden hat.

Architektur als Kompass hat auch noch eine zweite Bedeutung: Architektur ist dynamisch, nicht statisch. Architektur ist kein Ziel oder Ergebnis, sie ist Teil eines Wegs. Sie verändert sich über die Zeit. Sie entwickelt sich. Sie verändert sich, wenn sich die Umgebung verändert, sie verändert sich, wenn Du etwas aus Deinen vorherigen Schritten dazugelernt hast. Während eine veraltete Karte keinerlei Nutzen mehr hat, bleibt ein Kompass immer hilfreich – aber natürlich nur, wenn man akzeptiert, dass er keine Lösung ist, sondern nur ein wertvolles Hilfsmittel, um den richtigen Weg auf einer Reise durch unbekanntes, komplexes Terrain zu finden.

Ich denke, wir könnten auch einige dieser ermüdenden Diskussionen über Architektur beenden – insbesondere im Zusammenhang mit Agilität – wenn wir alle diesen einen Satz akzeptieren würden: „Architektur ist ein Kompass, kein Blueprint“. Architektur ist keine Karte zur Lösung, sie ist ein Hilfsmittel, um den richtigen Weg zu finden.

Es gäbe sicherlich noch eine Menge mehr über diesen Satz zu schreiben, aber es sind die Weihnachtsfeiertage und ich wollte nicht zu viel tun … 😉

Uwe Friedrichsen

Uwe Friedrichsen ist ein langjähriger Reisender in der IT-Welt. Als Fellow der codecentric AG ist er stets auf der Suche nach innovativen Ideen und Konzepten. Seine aktuellen Schwerpunktthemen sind Skalierbarkeit, Resilience und die IT von (über)morgen. Er teilt und diskutiert seine Ideen regelmäßig auf Konferenzen, als Autor von Artikeln, Blog Posts, Tweets und natürlich gerne auch im direkten Gespräch.

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