Agile Softwareentwicklung folgt den 6 Faktoren für produktive Wissensarbeit

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“Die größte Herausforderung für das Management des 21. Jahrhunderts ist die Steigerung der Produktivität der Wissensarbeit”, schrieb Peter F. Drucker in seinem 1999 veröffentlichten Essay “Knowledge Workers – The biggest challenge”.

Er nannte darin die folgenden sechs Faktoren, um diese Produktivitätssteigerung zu erreichen. 

  1. Wissensarbeiter definieren ihre Aufgabe selber.
  2. Wissensarbeiter arbeiten eigenverantwortlich und autonom.
  3. Kontinuierliche Innovation ist ein ständiger Bestandteil der Wissensarbeit.
  4. Kontinuierliches Lernen und Lehren ist ebenfalls ständiger Bestandteil der Wissensarbeit.
  5. Anders als in der Güterproduktion liegt der Fokus viel mehr auf Qualität als auf Quantität.
  6. Wissensarbeiter sind nicht den Kosten einer Organisation, sondern vielmehr ihren Vermögenswerten zuzuordnen.

Keine anderthalb Jahre nach Druckers Veröffentlichung entstand das Agile Manifest. Auch darin geht es um Wissensarbeit und Produktivitätssteigerung. Oder sollte ich besser sagen, es geht um die Möglichkeit einer Produktivitätssteigerung? Diejenigen, die diese Möglichkeiten der Agilität erkannt und erlebt haben, werden sich von Druckers sechs Faktoren bestätigt sehen und noch genauer auf ihre Umsetzung und Förderung achten. Wer noch wenig mit Agiler Softwareentwicklung zu tun hatte, den hoffe ich zu ermutigen, sich weiter damit zu beschäftigen und Agile Softwareentwicklung insbesondere aus dem Blickwinkel der Wissensarbeit und Druckers Thesen zu betrachten. Diese Hoffnung habe ich letztlich auch für die kritischen Geister, sei es aus theoretischen Überlegungen oder praktischen Erfahrungen. Agile Softwareentwicklung ist in meinen Augen keine Alternative, sondern die Lösung – wenn sie im passenden Kontext zur Anwendung gebracht wird. Dieser Kontext erscheint mir da gegeben, wo Druckers sechs Faktoren beachtet und gefolgt werden.

Wer neugierig oder wenig vertraut mit Agiler Softwareentwicklung ist, holt sich vor dem nächsten Abschnitt vielleicht noch schnell einen frischen Kaffee. Wer Peter Drucker schon kennt, kann den nächsten Abschnitt überspringen. Wer’s lieber kurz mag, der darf jetzt zum letzten Abschnitt springen.

Peter Drucker – Vater der Wissensarbeit

Zunächst also noch ein paar Worte zu Peter F. Drucker und dem Begriff der Wissensarbeit. Drucker gilt als der große Management-Vordenker des 20. Jahrhunderts. Er ist Autor von 39 Büchern, arbeitete seit den 1940er Jahren als Berater für namhafte Unternehmen wie General Electric, Coca-Cola, Citicorp, IBM und Intel, daneben viele staatliche Einrichtungen aber auch NGOs. Außerdem lehrte er über 30 Jahre an der auch nach ihm benannten Peter F. Drucker & Masatoshi Ito Graduate School of Management an der Claremont Graduate University . Das 2006, ein Jahr nach seinem Tod, gegründete Drucker Institut hat die Unterstützung und Stärkung von Organisationen durch Druckers Ideen zum Ziel um so positiven Einfluss auf die gesamte Gesellschaft zu nehmen – eines von Druckers großen Anliegen. Mit dem Drucker Institut verbunden ist die Peter Drucker Society, welche seit 2009 das Global Drucker Forum organisiert auf dem sich jährlich namhafte Managementexperten zusammenfinden um Druckers Ideen und Ideale in Organisationen und Gesellschaft weiter voranzubringen.

Peter Drucker hatte den Begriff der Wissensarbeit bereits gegen Ende der 1950er, also etwa 40 Jahre vorher, selber eingeführt. Das wichtigste Merkmal eines “knowledge workers” war für Drucker, dass dieser sein Wissen zur Verrichtung seiner Arbeit einsetzt. Im Gegensatz zum “manual worker”, der für seine Arbeit körperliche Kraft und Koordination verwendet. Das mag zur heutigen Zeit banal klingen und so sind die Definitionen derer, die sich heutzutage mit dem Thema auseinandersetzen, wesentlich differenzierter, wie man an der von Jörg Dierbach zusammengetragenen Liste erkennen kann. Druckers Abgrenzung des “manual workers”, in Deutschland würden wir ihn wohl Fabrikarbeiter nennen, vom Wissensarbeiter hat natürlich seinen Grund.

Der wichtigste und tatsächlich einzigartige Beitrag des Managements im 20. Jahrhundert sei, so Drucker wörtlich, die Erhöhung der Produktivität der Arbeiter um das 50-Fache. Nun sei es, so Drucker weiter, der mit Abstand wichtigste Beitrag, den Management im 21. Jahrhundert liefern müsse, eine vergleichbare Produktivitätssteigerung in der Wissensarbeit mit den Wissensarbeitern zu erzielen. Die 50-fache Steigerung hat in etwa tatsächlich kumuliert über das vergangene Jahrhundert stattgefunden. Die Grundlage dafür liegt auch für die meisten Experten in den Erkenntnissen Frederick Winslow Taylors begründet, welche dieser in seinem 1911 veröffentlichten Werk “The Principles of Scientific Management” zusammenfasste. Alle darauf folgenden produktivitätssteigernden Neuerungen im Bereich der Produktion, von Deming bis Lean, führt Drucker auf Taylor zurück, der seiner Ansicht nach der erste war, der Wissen auf manuelle Arbeit angewendet hat. 

Wissensarbeiter definieren ihre Aufgabe selber und arbeiten eigenverantwortlich und autonom

Der Kern von Taylors Arbeit mag mit unserem heutigen Wissensstand ebenfalls banal klingen. Vereinfacht dargestellt war es schlicht das Zerlegen, Analysieren und Verbessern der einzelnen Arbeitsschritte. Abgesehen natürlich von den nötigen technischen Voraussetzungen sind sich heutige Experten einig, dass uns erst Taylors Einsichten und Ansätze die immensen Produktivitätssteigerung in der Massenproduktion ermöglichten. Niels Pfläging, Autor von “Organisation für Komplexität”, weist darauf hin, dass hier allerdings auch der Ursprung der Trennung von Denken und Handeln, von Management und Arbeitern bzw. Vorgesetzten und Untergebenen liegt. Diese spiegelt sich bis heute in den Organigrammen unserer Organisationen wider. Vereinfacht dargestellt: Oben wird gedacht, unten wird gehandelt.

Christian ist seit 2015 bei der codecentric am Standort Solingen. In seiner fast 20-jährigen IT-Laufbahn hat er meist als Consultant in verschiedenen Rollen des gesamten Application Lifecycle gearbeitet und sich zuletzt auf die Projektunterstützung und Coaching in Infrastruktur- und DevOps-Projekten sowie Agilen Veränderungsinitiativen konzentriert.

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Kommentare

  • Stephan Dreher

    19. April 2016 von Stephan Dreher

    Hallo, Hr. Bär,

    sehr interessanter Artikel.

    Auch der Artikel von Christoph Niewerth ist lesenswert.

    Als externer IT-Consultant/Testexperte mit mittlerweile 15 Jahren Projekterfahrung sieht und ärgert man sich immer wieder über die Zähigkeit mit der sich die o.g. Management-Prozesse halten und gepflegt werden.

    Gerade in großen Organisationen ist es erschreckend wieviel Ignoranz und Unverständnis herrschen und wieviel sinnlose Tätigkeiten die Ressourcen fressen, ganz zu schweigen vom War of Talents.

    Mir gefällt auch Ihr Einwand, wieviel die Community und einzelne Leute in den Erfahrungsaustausch stecken.
    Bin auch in diversen Meetup-Foren unterwegs und finde die Möglichkeiten phänomenal, lokal Gleichgesinnte zu finden.

    Mir war Mr. Drucker noch unbekannt, vermutlich weil ich VWL und nicht BWL studiert habe. Aber seine Thesen treffen voll den Nerv bei mir. Werde mich der Sache mal intensiver widmen.

    Danke für den Beitrag.

    Gruß aus Bonn
    S.Dreher

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