Interview mit IOTA-Mitbegründer Dominik Schiener [blockcentric #4]

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Dominik Schiener ist einer der Mitbegründer von IOTA – einer gemeinnützigen deutschen Non-profit-Organisation, die mit dem Tangle eine völlig neue Distributed-Ledger-Technologie in Konkurrenz zur Blockchain implementiert. Ich sprach mit Dominik über seine Anfänge in der Welt der Distributed- Ledger Technologien, die Technologie Tangle, das Ökosystem IOTA und die Zukunft.

Jannik Hüls: Besten Dank für deine Zeit. Ihr seid viel unterwegs. Wo erwische ich dich gerade?

Dominik Schiener: Ich bin im Headquarters der Deutschen Telekom in Bonn, wir sind international aufgestellt und viel unterwegs. Wir haben Offices in Berlin, Oslo, Chicago und sind dabei, eines in Singapur zu eröffnen.

Zu deiner Historie: Die Welt der Distributed-Ledger-Technologien (DLT) ist noch gar nicht so alt. Wann waren deine ersten Kontakte mit dem Thema – wie bist du auf Blockchain aufmerksam geworden?

Mein erster Kontaktpunkt war 2011, ich habe das Bitcoin-Whitepaper erhalten und versucht, es zu verstehen. Damals war ich 14 oder 15 Jahre alt, mein Englisch war noch nicht so gut, und das Konzept habe ich dadurch nicht ganz verstanden. Ich war aber schnell fasziniert – ich war schon immer neugierig – so dass ich mich ab 2012 full time damit beschäftigt habe. Mit dem Mining habe ich angefangen. Überall hieß es, dass damit das große Geld gemacht wird, und natürlich war ich deshalb von Anfang an sehr ambitioniert. Ich wollte Unternehmer werden und startete mit 14 Jahren meine eigenen Projekte. MAlso mit AWS-Credits habe ich gemined und damit recht viel Geld erwirtschaftet. Dieses Geld habe ich dann genutzt, um die ersten eigenen Projekte umzusetzen.

Das heißt, das Mining war dein Hauptanwendungsfeld. Oder hast du in dieser Zeit auch etwas implementiert bzw. hast du damals mehr gesehen als die Implementierung von Kryptowährungen?

Der Hauptfokus war damals auf Cryptocurrency. Im Jahr 2013 habe ich wirklich den Mehrwert verstanden, die Applikationen, die nicht nur aus finanzieller Sicht im Fokus sind, sondern wo Blockchain an sich den Mehrwert schafft.

Bevor wir auf dein Thema IOTA zu sprechen kommen: Vieles wird aktuell mit dem Thema DLT erschlagen. Was macht für dich einen Use Case aus, bei dem man ganz generell das Thema DLT verwenden könnte?

In vielen Bereichen – wenn wir uns die Time-to-implement oder Time-to-market anschauen – ist eine Blockchain-Lösung für Supply Chain Management diejenige, die am ehesten in den nächsten zwei bis fünf Jahren konkret integriert werden wird. Bei Supply Chain wird der größte Mehrwert geschaffen. Mit der zugrundeliegenden Transparenz können wir beispielsweise ineffiziente Prozesse erkennen und Dinge wie Versicherung usw. besser gestalten.

In vielen Bereichen (…) ist eine Blockchain-Lösung für Supply Chain Management diejenige, die am ehesten in den nächsten zwei bis fünf Jahren konkret integriert werden wird. Bei Supply Chain wird der größte Mehrwert geschaffen.”

Der Tangle ist die Grundlage von IOTA. Wie entstand die Idee zum Tangle?

Da wir ein Startup hatten, das neue Hardware für IT entwickelt, genau gesagt, für Fog Computing, war die Grundidee, dass sich die Maschinen auch untereinander bezahlen müssen – Maschinen-Payments, um die Ressourcen zu kaufen und zu verkaufen. Weil wir auch Blockchain-Experten sind, hatten wir das entsprechende technische Wissen, um zu erkennen, dass alle aktuellen Blockchain-Architekturen nicht in der Lage sind, dem IoT-Space gerecht zu werden. Viele hatten fundamentale technische Probleme und waren zu langsam oder zu kostenintensiv. Eine Directed Acyclic Graph war dann Gegenstand unserer Forschung, um die bestehenden Probleme zu lösen. Wir haben die mathematischen Beweise durchgeführt, und dadurch ist die Entwicklung von IOTA zustande gekommen.

Kannst du kurz die Unterschiede zur Blockchain anreißen?

Es gibt zwei große Unterschiede: Die Architektur ist nicht mehr eine Chain, sondern der Directed Acyclic Graph. Und die Art, wie Konsens erreicht wird, ist anders: Die Miner nutzen [bei der Blockchain] den Competitive Proof of Work oder einen anderen Konsens-Algorithmus, bei dem in Zyklen Transaktionen validiert werden. In IOTA gibt es Zyklen wie in Blockchain nicht mehr. Wenn Transaktionen in IOTA ausgeführt werden, müssen zwei Transaktionen in der Historie validiert werden.  Es gibt keine Miner mehr, sondern jeder im Netzwerk, der eine Transaktion ausführt, nimmt auch am Konsens des Netzwerks teil, was einer der Hauptvorteile ist.

Ein weiterer Vorteil ist die Skalierbarkeit. IOTA ist horizontal skalierbar: Je mehr Netzwerkteilnehmer, desto schneller werden Transaktionen auch validiert. Andererseits haben wir keine Transaktionsspesen, weil es keine Miner mehr gibt, die ich substituieren muss. Dadurch müssen keine Spesen bezahlt werden, weil ich auch an der Validierung teilnehme. Weitere Vorteile sind Partitionstoleranz und die Tatsache, dass Quantencomputer unsere Hashes nicht mehr angreifen können.

Als Anwendungsszenario hattest du IoT genannt – gibt es einen Unterschied zwischen Full Nodes und Small Nodes? Muss jedes IoT Device den kompletten Tangle speichern und wie viel ist das, wenn es gespeichert wird?

Im Moment gibt es nur die Full Nodes, wir sind aber dabei, Light Nodes und Small Nodes zu entwickeln. Small Nodes sind ein Cluster von Devices, die zusammenkommen. In diesem Cluster werden sie dann eine Full Node nutzen, die beispielsweise die anspruchsvolleren Anforderungen erfüllt. Genau diese Fragen hängen jedoch sehr von dern Architektur zukünftiger der Systemen der Zukunft ab. Wie sieht es also wirklich in der Zukunft aus? Wie interagieren die IoT Devices?

Genau deshalb ist für uns das Konzept von Fog Computing so relevant. Das Interessante an IOTA ist: Man kann alle involvierten Prozesse, um eine Transaktion auszuführen, wirklich auf verschiedene Devices outsourcen. Jedes IoT Device kann eine Signatur abgeben, was bedeutet: Jedes IoT Device ist in der Lage, ein Wallet zu haben. Auch meine Kaffeemaschine. Der zweite Schritt ist die Tip Selection. IOTA kann zwei Transaktionen finden, die ich validieren muss. Dafür muss ich eine Full Node oder eine Light Node sein. Dieser Tip-Selection-Algorithmus kann dann wirklich von der Node ausgeführt werden, und dadurch kann auch die Kaffeemaschine eine Transaktion ausführen, indem sie mit der Full Node interagiert. Wir stellen uns das vor wie ein SmartHub in den eigenen vier Wänden. Der letzte Prozess ist der Proof of Work, der etwas rechenintensiver ist. Deshalb arbeiten wir an spezieller Hardware – speziell auch für Fog Computing.

Du sagtest bereits, dass bei IOTA der große Vorteil ist, dass es keine Transaktionskosten gibt. Was ist denn der Anreiz für den Miner – wieso sollte ich eine Full -Node laufen lassen?

Das ist eins der größten Missverständnisse, die es gibt: Es gibt keinen Anreiz, in Bitcoin und in Ethereum eine Full Node laufen zu lassen. Eine Full Node ist nicht unbedingt ein Miner. In Bitcoin gibt es ca. 5.000 bis 6.000 Full-Nodes, aber nur ein kleiner Teil dieser Full-Nodes sind auch Miner. Der Vorteil von IOTA ist, dass der Aufwand beim Validierungsprozess viel geringer ist im Vergleich zu Ethereum oder Bitcoin. Was bedeutet, dass es günstiger ist, eine IOTA Full Node laufen zu lassen als eine Bitcoin oder Ethereum Full Node. Eine Node läuft, um am Netzwerk teilnehmen zu können.

Der Vorteil von IOTA ist, dass der Aufwand beim Validierungsprozess viel geringer ist im Vergleich zu Ethereum oder Bitcoin. Was bedeutet, dass es günstiger ist, eine IOTA Full Node laufen zu lassen als eine Bitcoin oder Ethereum Full Node.”

IOTA organisiert sich bewusst anders als andere Startups im Bereich von DLTs. Ihr seid eine deutsche Non-Profit-Organisation. Warum habt ihr diesen Schritt gewählt?

Es ist natürlich ein strategischer Schritt. Wir haben realisiert, dass das Potenzial der Technik einfach zu groß ist, als dass man dieses mit Patenten limitieren sollte – das ist ein Interessenkonflikt. Deshalb ergibt dieser Stiftungsgedanke so viel Sinn, weil natürlich der Base Layer, also IOTA, frei nutzbar und Open Source sein soll. Es soll so viel genutzt werden wie möglich. Unserer Meinung nach ist die Stiftung der beste Weg, die Verbreitung zu fördern. Deshalb dieser gemeinnützige Gedanke. Wir wollen die großen Unternehmen, Startups und Regierungen zusammenbringen, um ein Ökosystem zu bilden und darin zu investieren. Weil sie agnostisch und unabhängig ist, ist auch das Interesse anderer Unternehmen groß, mit uns statt z.B. mit IBM zusammen zu arbeiten.

Ihr habt initial auch einen ICO [Initial Coin Offering] gemacht, ihr habt aber alle IOTA Tokens ausgegeben. Wie finanziert ihr euch?

Wir haben 100 Prozent der Tokens verkauft, dann sind wir zur Community gegangen und haben gesagt: Wenn ihr eine Stiftung wollt, müsst ihr Geld spenden. Daraufhin ist die Community zusammengekommen und hat fünf Prozent der Tokens gespendet, was aktuell ca. 200 Millionen Euro ausmacht. Damit wurde die Stiftung finanziert.  

Das heißt, prinzipiell ist der Wert der Währung IOTA auch elementar für die finanziellen Mittel der Stiftung.

Genau, jetzt bringen wir die Unternehmen an Bord, die dann an die Stiftung spenden. Und wir arbeiten mit Regierungen.

Beispielsweise wird, mit dem Data Marketplace, aktuell ein Use Case auf IOTA implementiert. Dort können Daten mit Micropayment bezahlt werden.

Interessant. Wie rechtfertigt man dabei die Volatilität des Marktes? Wie kann ich diesen Use -Case besser verkaufen? Heute kostet das, was ich was ich kaufe, 1000 IOTAs, das sind umgerechnet vielleicht 5 Euro, und morgen sind es vielleicht 50 Euro.

Das ist eines der größten Probleme in IOTA und generell eines der größten Probleme von Cryptocurrencies. Die Volatilität steht in einem direkten Konflikt zur Usability. Man könnte über einen zusätzlichen Layer nachdenken, bei dem die Nutzung der Cryptocurrency abstrahiert wird und bei dem direkt beispielsweise in Euro bezahlt werden kann. Unsere Vision von IOTA ist jedoch, dass der Token verwendet wird. Bei anderen Cryptocurrencies hat der Token gar keinen Nutzen. Wir wollen kein Netzwerk, in dem jede Institution ihren eigenen Token pflegt. Dies führt zu einem zu stark fragmentierten Ökosystem. Dennoch ist die einfache Usability des Tokens schwierig und aktuell eines der offenen Probleme.

Aktuell kommen extrem viele News um euch. Masked Authentication Messaging, Payment Channels, Data Marketplace u. v. m. wurden angekündigt. Kannst du uns schon ganz grob sagen, in welche Richtung es geht? Ihr habt ja wahrscheinlich noch einiges in der Pipeline?

Wir fokussieren uns auf die Ankündigungen, speziell auf die Partnerschaften, die wir mit großen Unternehmen machen. Dort sind wir in der Lage, IOTA in existierende große Ökosysteme zu integrieren. Und dann haben wir wirklich den Skalierungseffekt – wo wir tausende Nodes auch deployen können. Aber ich kann im Moment nicht mehr dazu sagen.

Wir bei codecentric sind Entwickler. Gibt es SDKs [Software Development Kits] für IOTA?

Daran arbeiten wir konkret, speziell für die Module, die wir entwickeln. Wir sind im Moment an folgendem Punkt mit der Entwicklung von IOTA: Wir haben den IRI-Client, mit dem man am Netzwerk teilnehmen und die Transaktionen ausführen kann. Die letzten Monate haben wir an einer komplett neuen Systemarchitektur gearbeitet, die Microservices implementiert und Enterprise-orientiert ist. Denn im Moment haben wir den monolithischen Block, wie Ethereum oder Bitcoin auch.

Zudem wird der IRI-Client deutlich modularer. So kannst du als Unternehmen entscheiden, welches Kommunikationsprotokoll du verwenden möchtest, welche Datenbank, ob SAP-Hana oder Redis. Das ist wirklich die Zukunft von IOTA und das wird eines der besten Releases überhaupt. Hoffentlich wird es im Februar rauskommen, im Moment wird es noch entwickelt und intensiv getestet.

Es gibt für Entwickler eine Sandbox und ein Testnet. Sind das die Wege, wie ich ein Proof of Concept validieren kann, oder wie gehe ich am einfachsten vor?

Wir sind dabei, die ganze Sandbox-Umgebung zu verbessern. Ziel ist es, dass man als Entwickler nur einen API-Call senden muss, und wir machen dann die Deployments. Hier sind wir dabei, mit einigen Unternehmen zu kooperieren, weil sie so sehr an IOTA interessiert sind, dass sie auch dem Netzwerk helfen, indem sie die Deployments managen.

Der Data Marketplace als Anwendungsbeispiel für Anwendungsentwickler: Welche Sachen werden wirklich im Tangle gespeichert? Oder wird darüber nur die Bezahlung der Sensordaten gemacht? Kannst du ganz grob die Architektur umreißen?

Die Sensordaten werden dort natürlich im Tangle abgebildet. In IOTA kann eine Transaktion zirka 1,2 Kilobyte an Daten beinhalten. Was heißt, wenn ich jetzt einen Sensor habe, der nur ein Temperatur-Logging oder oder ein kleines Datenset hat, kann man IOTA für den Datentransfer verwenden. Auf diese Weise wird mit IOTA auch die Integrität der Daten sichergestellt. Möchte nun jemand die Daten eines Sensors kaufen, wird dies direkt per Micropayment abgerechnet. Die Daten werden dann nicht vom Sender, sondern aus dem Tangle gelesen.

Der Sensor pusht quasi in den Tangle, und ich als Consumer nutze die Daten aus dem Tangle und lese so Sensordaten aus. Sehr cool. Vielleicht noch mal abschließend: Du hattest den IRI angesprochen. Ich hatte schon gesehen, dass der Open Source ist. Was ist bei euch noch Open Source?

Alles. Auch der Data Marketplace wird Open Source gemacht. Auch weitere Use-Cases wie SatoshiPay möchten wir der Community zur Verfügung stellen. Hier sind wir aber noch nicht fertig, daran arbeiten wir aktuell.

Vielen Dank für Deine Zeit, ihr macht coole Sachen, es macht Spaß das zu verfolgen und viel Spaß noch in Bonn.

Vielen Dank, Jannik!


In unserer Kolumne “blockcentric” bloggen wir, zusätzlich zu den bewährten Themen des codecentric-Blogs, über die Blockchain. Dabei möchten wir das Thema uneingeschränkt sowie breit gefächert betrachten: Technologie, Projekte, Organisation und Geschäft. Die Artikel können Ergebnisse unserer 20%-Zeit-Projekte sowie Neuigkeiten aus dem Themenbereich sein und zielen darauf ab, Ihnen die Blockchain näher zu bringen.

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Jannik Hüls

Jannik unterstützt seit 2016 das codecentric Team in Münster. Er beschäftigt sich mit der technischen Umsetzung von IT-Architekturen und der Integration von Anwendungskomponenten. Aktuell vor allem mit den Möglichkeiten von Serverless-Architektur. Zudem berät er unsere Kunden im Identity- und Accessmanagement.

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Kommentare

  • Sebastian Oremek

    11. Januar 2018 von Sebastian Oremek

    IOTA ist für mich im DLT Bereich eines der interessantesten Projekte, da es neben einer sehr guten Marketingarbeit auch eines der klarsten Konzepte für die weitere Entwicklung aufzeigt. 2018 wird für IOTA sicherlich ein sehr spannendes Jahr in dem wir hoffentlich die ersten Adaptionen und Use Cases in der Industrie sehen können.

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